Donnerstag, 2. April 2020

Maskeneinkauf



"Das ist doch nur ein besseres Wischtuch vor dem Gesicht," muffelt Jack über das Tragen eines Mundschutzes im Supermarkt. "Der ist doch zum Schutz für die anderen, damit du deine Viren ihnen nicht ins Gesicht rotzt." Alice findet, dass auch kleine Schritte helfen. "Pah, ich rotze in die Armbeuge und wenn wäre das ja was für 'Lissspler" mit ihrer feuchten Aussssprache."

In den Zeiten von Corona - genauer der Covid-19 Pandemie (Alice kann da sehr genau sein) – sollen alle wenigstens einen passiven Mundschutz tragen, wenn sie einkaufen gehen. Aufgeregt wuseln die Mäuse durch die Gänge, um für die nächsten Tage kleine Vorräte einzukaufen. Eine Maus ist vielleicht ein Nagetier – aber noch lange kein Hamster. Wobei, die machen vielleicht dicke Backen, aber warum gibt es keinen Generalverdacht gegen Eichhörnchen? Die legen doch überall Vorratsnester an, um im Ernstfall die Hälfte zu vergessen.

Die Versorgungslage bei Obst und Gemüse ist noch sehr gut, es gibt eine reichhaltige Auswahl auch aus fernen Ländern, als ob nicht die meisten Flieger am Boden stehen würde. Aber im Regal für Nudeln, Reis, Kartoffelpüree, Mehl und Zucker gibt es riesige Lücken und ein paar einsame Pakete mit Ladenhütern wie Instant-Flocken für Semmelknödel mit Röstzwiebelaroma. Die werden dennoch gleich in der Tasche von Valentina verschwinden. Die Maus kann nur den Kopf schütteln. Mit diesen schmalen Resten werden auf ihrem Einkaufszettel viele Ausfälle blieben.

Der kleine Wolf schüttelt auch nur den Kopf. Ständig saust er ins Lager, um einige der Regale immer neu aufzufüllen. Aber wenn er wenig später nachschaut, gähnt da wieder ein großes Loch. Vielleicht sollte er sich den Umweg sparen und die Kunden gleich durch das Lager führen.

Wobei … einige Artikel sind wirklich selten geworden. Pink hat noch eine Box mit Frischhaltetüchern und zwei Flaschen mit Desinfektionsreiniger entdeckt und sofort eingesackt.

Der rote Bär entdeckt einen echten Schatz in der Deko. Eine Rolle Klopapier hat sich unter einer Häkelmütze versteckt! Dafür ist das Fach für Müllbeutel fast leer und bei den Putzmitteln liegen nur Streusand, Gallseife und Bohnerwachs wie Blei in den Auslagen.

Victoria möchte rechtzeitig die Vorräte in ihrer Käsevitrine auffüllen, um auch für eine längere Quarantäne vorzusorgen. Sie kann sich nur noch nicht entscheiden, welche Käse sie nach Hause rollen will. Ganze Laibe halten sicher länger als aufgeschnittene Tortenstücke. Und manche Käsesorten werden mit der Lagerung noch viel aromatischer. Aber dass ein dreimonatiger Rohmilchkäse bei ihr noch sieben weitere Monate reifen kann – das glaubt sie selber nicht.

Auf jeden Fall nimmt sie einen Handvorrat von kleinen Rundkäsen mit … als Snack für zwischendurch.

Albert wartet, bis Victoria sich endlich entschieden hat. Er würde gern einen Schluck Wasser aus dem Wasserspender nehmen, doch irgendwie stört der Mundschutz und er sucht noch die Einwegbecher. Da tippt ein Finger auf seine Schulter …

"Hey du," spricht die dunkle Gestalt im Mantel Albert von hinten an: "Hey du, womit wischt du dir jetzt noch den Po ab?"

"Natürlich mit Klopapier," dreht sich der Mäuserich um. "Psst, nicht so laut, es muss ja nicht jeder hören, dass wir über Klopapier reden." Der Fremde neigt sich zu Albert runter: "Und, hast du noch Klopapier?" Albert bemüht sich zu flüstern: "Es wird Tag für Tag weniger und in den letzten beiden Wochen war es hier immer ausverkauft." "Dann ist ja gut, dass ich welches habe," antwortet der große Mantelträger. "DU HAST KLOPAPIER!" ruft Albert begeistert. "Psst, nicht so laut." "Du hast Klopapier …" flüstert erschrocken der Nager im hellblaue Samtfrack. "Genaaau."

Zum Beweis lüpft der Affe die linke Mantelseite, bis im Innenfutter die ersten Rollen blitzen.

"Und, willst du Klopapier?" Albert nickt eifrig: "NATÜRLICH!" Er ist doch kein Wellensittich, der mit einer alten Zeitung als Unterlage zufrieden ist. "Psst! Muss ja nicht jeder mithören." Der Mauseherr zuckt zusammen: "Du würdest es mir verkaufen?" Er wirft einen letzten Blick auf die Rollen, bevor der Mantel wieder zuklappt: "Genaaau."

"Ich bezahle die Rolle dann vorn an der Kasse?" Albert versteht noch nicht, warum der Supermarkt das Klopapier nur noch einzeln und persönlich übergibt. Und warum der Fremde keinen weißen Kittel trägt, wie die anderen Mitarbeiter. "Nun, ich bin selbstständiger Einzelhändler und nur hier, weil meine Kunden auch hier sind," erklärt die dunkle Gestalt. "Dann gehörst du gar nicht zum Personal?" "Genaaau. Deswegen habe ich ja noch ein paar besonders gut gewickelte Rollen für spezielle Kunden." Der Affe blickt sich schnell um, ob auch niemand sie belauscht. "Die sind aber ruckzuck weg." Albert schluckt: "Ich kaufe bei dir direkt?" "Genaaau."

"Jack, leg deinen Mundschutz an." Alice findet es überhaupt nicht witzig, dass der Mäusejunge ihn runtergezogen hat, als er sich zwei Lutscher gegriffen hat. "Wie soll ich denn lutschen, wenn ständig ein Stofffetzen vor der Nase hängt?" Es reicht doch, wenn die Süßigkeiten alle unter Quarantäne sind, weil alles einzeln in Folie verpackt ist.

Menno, Alice ist so eine Schlaumeier*in: "Gelutscht wird erst, wenn sie bezahlt sind." So lange kann der kleine Matrose auch mit dem Mundschutz warten und sich draußen dann in eine einsame Ecke verziehen. "Wenn alle anderen so eine Maske tragen, kann ich auch ohne gehen." Muss ihm ja keiner nachmachen.

Der Hase ist aufmerksam geworden. Was zeigt der Affe heimlich der kleinen blauen Maus? Das sieht doch verdächtig nach Klopapier aus. Er hat schon die Tiefkühlwaren und Bananen gebunkert. Auch etwas Schokolade für die eigene Belohnung, wenn er nun alle Tage brav im Bau bleibt. Aber die kostbare Rollenware für stille Orte fehlt noch im Einkaufswagen.

Er spricht die große dunkle Gestalt im weiten Mantel an. "Ihr habt das weiße Gold unserer Tage?" Der Affe bürstet ihn unwirsch ab. "Warte doch, bis du dran bist!" Er hasst es, mitten im Verkaufsgespräch unterbrochen zu werden, wenn der 'Fisch' gerade am Haken zappelt. Sonst springt er doch noch davon.

Der 'Fisch' äh Albert lässt sich von irgendwelchen Konkurrenten längst nicht mehr beiseite schieben. Im Gegenteil, er sollte zugreifen bevor diese letzten Rollen auch noch weg sind. Zumal er nur noch jetzt einen streng limitierten Sonderpreis als persönlichen Bonus bekommt. "Weil ich so ein guter Kunde bin …" "Genaaau."

Die Verhandlungen sind fast abgeschlossen: Der kleine Nager im blauen Frack muss sich nur noch zwischen 'drei-lagig flauschgenoppt' und 'vier-lagig supersoft' entscheiden. Natürlich kann er nicht mit Karte zahlen und es gibt keine Punkte. "Nur Bares ist Wahres," murmelt er, als er nach dem Portemonnaie nestelt. "Genaaau."

"Ich habe eine Quittung!" Albert versteht gar nicht, warum Victoria sich aufregt. Damit bekommt er seine Rolle gleich sicher durch die Kasse. Er hat sich immerhin um die gemeinsame Versorgung mit überlebenswichtigen Wertstoffen gekümmert. Bevor das letzte Blatt runtergespült ist und die Familie in die sprichwörtliche Pappröhre guckt.

Das ist mal wieder typisch für ihren Albert. Kauft er mitten im Supermarkt für einen Horrorpreis eine einzelne Rolle Klopapier. Als wenn das wirklich helfen würde. Victoria seufzt, sie hat längst nachgefragt und sich vom weißen Wolf für morgen ein 12er Paket zurücklegen lassen. Das kostet dann sicher weniger als Alberts Einzelstück. Der Affe ist inzwischen weitergezogen und verhandelt längst mit dem nervösen Hasen.


Idee: SchneiderHein       Fotos: W.Hein

Ewige Kinder meiner Generation haben es sicher sofort erkannt: Das Verkaufsgespräch mit dem Affen und Albert ist eine direkte Hommage an die dubiosen Geschäfte von Schlemihl mit Ernie in der Sesamstraße. Es ist zwar kein 'A' oder eine 'Flasche mit Luft'. Aber der immer noch andauernde Hype um Klopapier ist im Moment auch kein Deut vernünftiger. Einige eifrige Käufer machen wahrscheinlich aus den gekauften Paketen eine Dämmung für den Innenraum in der kalten Jahreszeit. Oder planen eine Zweitwährung für die Zeit nach dem Euro. Eine Rolle hat 250 Blatt, man kann also auch kleinere Beträge rausgeben.


Mittwoch, 25. März 2020

Bienenwerk



Lina schwitzt, direkt in der Sonne hat diese schon richtig Kraft. Aber im Schatten ist es noch empfindlich kalt, da hüpft die kleine Häsin so schnell es geht wieder in den nächsten Sonnenflecken.

Das ist doch verrückt, wenn es bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlos blauem Himmel eigentlich noch so kalt ist. Dabei stehen überall bibbernd die ersten Frühlingsblüher und warten auf eifrigen Insektenbesuch. Doch denen ist es vielleicht auch zu frisch. So hat Lina beschlossen, die Bienen zu den Blüten zu bringen. Und das ist mehr Plackerei, als sich das kleine Langohr vorgestellt hat.

Der Fuchs im Beinwellfeld nimmt die Besserwisserbrille ab und schüttelt nur den Kopf. Wie will denn ein Hase den Bienen beim Bestäuben helfen?

Der Hase Rübe wundert sich dagegen mehr über Linas dünnes Sommerkleid. Die kleine Häsin wird sich noch verkühlen und dann mit einer Schnuppennase das Bett hüten müssen.

Dann soll der große Hase doch helfen. Wenn Lina und die Biene schneller mit dem Bestäuben fertig werden, kann Lina wieder zurück in die warme Stube.

Die weiße Häsin hat die Biene im Haus gefunden. Da gehört sie doch gar nicht hin. Wenn die Blumen und Stauden draußen sind. Jetzt müssen sie das dicke Insekt nur mitten in die Blüten bringen. Hase Rübe zieht und Lina schiebt, damit es schneller geht.

Wenig später kann der Hase auch eine kleine weiße Häsin ziehen. Wenn sie sich auf die Biene setzt und die langen Füße hochziehen kann, werden die viel weniger kalt. So friert sie fast überhaupt nicht mehr. Da kann der Hase in Ruhe den besten Platz suchen, bevor die Biene an die Arbeit geht.

"Stopp!" Lina hebt die Pfote. "Hier ist es gut beblüht." Da kann die Biene schon mal anfangen.

Sie stupst den dicken Brummer. Doch der hängt träge am Boden. "Los flieg!" Aber die beiden Flügel sind eher kleine Tennisschläger und wozu hat eine Biene so große Räder. "Die ist wohl eher ein Bestäuber für Bodendecker."

Hase Rübe hält die Biene schön hoch, damit der schwere Brummer nicht auch noch fliegen muss. Er pflügt mit dem schwarzen Kopf durch die Blütentrauben des Beinwells. Die Fühler wackeln mit den Glockenkelchen um die Wette. Aber sonst passiert nicht viel.

"Ich glaube, die passen nicht zusammen," murmelt der Hase. "Wieso?" Die Häsin spitzt die Löffel. "Blumen und Bienen gehören doch zusammen wie Brot und Butter." Das grüne Langohr schwenkt noch mal in einer weiten Runde. "Die Biene ist viel zu groß für die kleinen Kelche. Wir brauchen wohl ganz kleine Flugviecher."

Lina überlegt, sie hat zwar im Spielzimmer noch eine zweite Biene gesehen. Aber die ist nicht viel kleiner. Da muss sie wohl noch mal suchen gehen und sich vorher lange Socken anziehen.


Fotos: W.Hein

Lina & Hase Rübe: Valdorf Bears; Besserwissfuchs: Evgeniya Sidorenko

Die beiden Hasen wollten eigentlich den Frühlingsblumen im Reitlingstal helfen. Später den Märzenbechern im Eckertal oder den Gelbsternen an der Marienkirche in Ilsenburg. Doch wegen Corona ist es das Beinwellfeld in Meingarten geworden. Schnell erreichbar und dennoch eine Ecke an der Ostgrenze im Garten, die bis jetzt fast nie in den Gartenabenteuern auftauchte.


Dienstag, 10. März 2020

Rosenmontag #8: Straßenfeger



Die Zuschauer bleiben noch, auch wenn der Karnevalsprinz längst durch ist. Es kommen plötzlich Roboter mit Besen und silbernen Mülltonnen und beginnen die Straßen zu fegen. Ist das jetzt noch eine letzte Fußgruppe und Teil des Zuges? Oder doch nur eine Abordnung der städtischen Reinigungs-Betriebe?

Die Blechmänner nehmen ihre Aufgabe sehr ernst und kehren die bunten Bälle, Girlanden und was sonst noch in den letzten Stunden auf der Straße gelandet ist, zusammen. Spätestens als sogar Kamelle in der Tonne landen sollen, sind sich die wartenden Karnevalisten sicher: Das ist der Kehraus, der keinen Sinn für die wahren Werte des Rosenmontags hat.

Die Mausemädchen sammeln sich zum Aufbruch und verpacken ihre Beute. Die Idee mit den großen Hüten war goldrichtig. Erst hatten sie eine Verkleidung, jetzt können die kleinen Schleckermäuler damit die Süßwaren einsacken und sicher nach Hause bringen.

Die Maschinen brummen dumpf in die hohle Brust. Diese bunten Bälle kleben am Besen und lassen sich nur schwer aufnehmen. Sie müssten so einen riesigen Staubsauger haben und nicht nur den für Feinstaub. Für so einen Fisselkram haben sie überhaupt keine Zeit, so lange alles noch Grobzeug ist. Es ist ja ein Wunder, wie das närrische Gewissen arbeitet: Sich über Feinstaub mokieren, aber einen ganzen Zug voller Dieselmotoren im Schritttempo durch die Straßen scheuchen. Das Plastik im Meer bedauern, aber alle Süßigkeiten in Folie verpacken. Von der Nachhaltigkeit träumen, aber alles für einen einzigen Tag aufbauen, um es dann zu verpulvern. Logische Maschinen würden sicher nie Rosenmontag feiern.

Jetzt müssen sich die Botze mit den ganzen kleinen Narren rumärgern, die sie an der Arbeit hindern. Die eifrigen Mäuse und hungrigen Bären wollen erst noch die Reste nach Essbarem durchsuchen. Bevor alles zu Müll wird. Sind die Lutscher, Kamelle und selbst das Gemüse noch gut? Es ist ja alles sauber in Folie verpackt oder wird geschält und abgewaschen. Einige fragen sogar, ob sie in den Tonnen nicht nochmal 'Mülltauchen' dürfen.

Endlich sind die Mädchen zum Aufbruch bereit. Hier passiert wohl nichts Aufregendes mehr, und ihre Taschen sind reich gefüllt. Dabei haben sie auf die ganzen Suppenzutaten verzichtet und die gesunden Flugobjekte den anderen überlassen.

Rosa überlegt noch, wie sie den vollen Hut nach Hause bekommen soll. An der Krempe schleifen? Sich ein Skateboard ausleihen von den Pomponmädchen? Oder hilft ihr eine andere Maus? Wenn sie dafür ein Päckchen Kamelle abgibt. Aber nicht mehr!


Idee: SchneiderHein    Fotos: W.Hein


So ist es richtig: Teil 1 ist die Ankündigung des großen Ereignisses und Teil 8 ist der Kehraus danach.

"Wie war das noch im Mittelteil?"

Nun der fehlt, wenn dieser Post erscheint. Das Großereignis "Der kleinste Zug" wird hier noch gezeigt, wenn alle längst Fastenzeit haben. (Noch so eine unlogische Sache: Wieso sammelt man volle Taschen voller Versuchungen, wenn danach eigentlich Schmalhans Küchenmeister wird?) Einen ersten Überblick der einzelnen Teilnehmer und Wagen im Zug zeigt aber schon jetzt #heinwerken auf Instagram oder "Wolfgang Hein" auf Facebook. Hier ist das Treiben sogar fast zeitnah veröffentlicht worden … 

Beim Blog bleibt wieder nur die Erkenntnis, dass eigentlich alles im Hochsommer hätte fotografiert werden müssen. Weil nicht nur die Vorbereitung und der Zug selber viel zu viel Zeit benötigt, um mal eben schnell am Rosenmontag vorgeführt werden zu können. Auch das Sortieren, Auswählen und Bearbeiten der Bilder sprengt jeden Zeitrahmen. Und dann gibt es immer noch keine Moderation durch irgendwelche Kommentartoren, die zu jeder Übertragung eines Karnevalzuges gehören. Wer wüsste sonst, dass die Städte auch schon lange vor dem eigentlichen Umzug bestanden, welche Vereine gerade noch mal die Kurve mit der Jugend bekommen haben, was die Gala-Uniformen kosten und anderes - eigentlich nutzloses - Wissen aus den Tiefen des Brauchtums. 


Montag, 9. März 2020

Rosenmontag #7: Oh, ihr Narren des Glücks


Der nächste Teilnehmer am kleinsten Zug gibt einigen Zuschauern Rätsel auf: "Krebs, gutartig"? Was macht denn das riesige Krustentier auf einer schwarzen Knutschkugel mit Rädern? Sorgsam auf dem Dachträger festgeschnallt, wackeln seine schweren Scheren träge in der Luft. 

Da halten die Narren lieber Abstand, in die großen Schneidwerkzeuge möchte niemand kommen. Dabei könnte der Fahrer durchaus Hilfe gebrauchen, kleben doch inzwischen immer mehr bunte Filzbälle an den kleinen Reifen. Wenn das so weiter geht, werden sie bald einen Boxenstopp einlegen müssen, um die bunte Pest aus den Radkästen zu kratzen.

Der rote Riesenkrebs auf dem Autodach ist eigentlich nur der Hinweis auf den nächsten Wagen, deren Besatzung nicht ganz so gutartig ist …

Im Mittelalter kamen die apokalyptischen Reiter Krieg, Hunger, Tod und Pestilenz. In der Moderne sind es Bazillus, Virus, Mikrobe und die eigene Zelle außer Rand und Band. Diese hocken dichtgedrängt auf der Ladefläche und schrecken die kleinen Narren.

So manche kleine Maus versucht sich in Sicherheit zu bringen, wenn der große Schatten sich nähert. "Geh mir weg! Weg mit den Tentakeln!" kreischt sie und nimmt schreiend Reißaus.

Dann stolpert sie und verheddert sich in den Luftschlangen und Girlanden am Wegesrand. Wenn sie jetzt ganz still liegen bleibt, …

… sind auch die pelzigen Unholde bald vorbeigefahren. Warum gibt es im Karneval nicht nur nette Wagen? Das soll doch alles nur 'Spaß' sein.

Und Corona-Viren machen sicher keinen Spaß! Im Gegenteil, sie können doch froh sein, dass die Viren heute nur auf dem Wagen sitzen und noch nicht in der Menge angekommen sind … "Haaaatschi!"

Der Zauberer beugt sich nach vorn: "Wenn das nicht bald besser wird, schaue ich mir den nächsten Rosenmontagszug nur am Bildschirm an." Funktioniert das überhaupt? Gibt es eine wilde Rosenmontagssause, wenn alle nur online zugeschaltet werden und die Stimmung in den leergefegten Straßen vom Band kommt, das blechern über Lautsprecher durch die Gassen schallt? Ein echter Geisterumzug mit ohne Narren?

Der Moschnarch ärgert sich doppelt. Warum muss gerade er direkt hinter dem Virenwagen fahren? Wer weiß, was er sich davon wegholt. Zum Glück wird hier nichts verteilt. Es hätte wohl auch jeder dankend abgewunken. Obwohl, einen Mundschutz, Warenproben mit Desinfektionsmittel und eine Rolle Klopapier hätten nicht nur die konsumfreudigen Hamster zu schätzen gewusst.

Noch viel mehr ärgert sich der Moschnarch, dass er als gekröntes Haupt … gerade nur in einer vorübergehenden Auszeit … dass er als gekröntes Haupt nicht der Karnevalsprinz ist. Irgendein Bürgerlicher hat sich diese Krone geschnappt. Dabei könnte 'Leonidas ohne Land' auf eine jahrzehntelange Expertise als nichtsnutziger Repräsentions-Onkel mit Stammbaum verweisen.

Die Viren verabschieden sich mit den Seuchen der vergangenen Jahren. Es könnte ja trösten, dass offensichtlich immer wieder neue Aufreger gebraucht werden, weil die alten einfach verschwinden. Selbst die Grippeviren mit ihren alljährlichen Tourneen locken kaum noch jemand hinter dem Ofen hervor. Die Elfe auf der Telefonzelle muss sich dennoch erst einmal setzen, als der Wagen endlich durch ist.

Hinter dem muffelnden Monarchen wird es wieder fröhlicher. Erleichtert strömen die Zuschauer wieder nach vorn. Drachenclowns laufen lachend und feixend von einer Straßenseite zu anderen und verteilen Luftballons.

"Ich bin doch beliebt!" grantelt der Moschnarch. "Die Leute es sicher gern gesehen, wenn ich das Amt des obersten Zuglenkers übernommen hätte." Die Menschen jubeln und winken doch, wenn er huldvoll die Pfote hebt. "Hat denn niemand gefragt?" Der Kammerherr am Steuer dreht die Auge nach oben. "Habt ihr auch die königliche Mailbox abgehört?" Als treuer Diener wird er sich diese fassungslose Enttäuschung noch einige Straßenecken anhören müssen. Bis der Zug komplett alle Stationen durchlaufen hat. Abspringen geht nicht, der Moschnarch hat natürlich keinen Führerschein.

Dabei hatte es der Kammerherr für eine gute Idee gehalten, mit dem königlichen Gefährt am Zug teilzunehmen. Der König kommt raus, kommt unter die Leute und kann sich als Speerspitze der Elektromobilität feiern lassen. Unter all den Dieselstinkern. Er konnte ja nicht ahnen, dass es gleich ein Kompetenzgerangel um Kronen und Titel geben würde. Nur weil der hohe Herr sich langweilt und deshalb sich auch dort Aufgaben und Bedeutung zusammenklaubt, wo er besser den Ball flach hielte.

Besonders trifft es Leonidas, dass seine Minister – ohne Rücksprache – an dem Zug als Prinzengarde für diesen Emporkömmling und Thronräuber teilnehmen. Sie fahren hinter den Drachen. Da kann man sie beim besten Willen nicht seinem Gefolge zuschlagen.

Denn auf ein Gefolge von Hanswursten und dummen Augusts, wie es die Drachen bieten, kann ein Moschnarch dann auch verzichten. "Ich degradiere sie alle!" schnauft der König in seinem Golfcart.

Die königlichen Minister ahnen noch nichts von dem Ungemach, das sich über Ihnen zusammenbraut. Sie freuen sich nur über einen neuen Herren auf Zeit, der viel umgänglicher und pflegeleichter ist. Das wird eine Umstellung werden, wenn sie am Mittwoch wieder in den Alltag müssen.

Heute und morgen dienen sie seiner Tollität 'Rattikus dem Ersten'. Als die drei gefragt wurden, ob sie ihre Erfahrungen als königliche Garde auch anderen gekrönten Häuptern zur Verfügung stellen könnten, haben sie sofort zugestimmt. Einen Urlaub vor dem anspruchsvollen Leonidas konnten sie alle gut gebrauchen. Und bei den Narren mussten sie sich nicht groß umstellen. Es mag ja mal als Parodie gestartet sein, inzwischen nehmen die Narren sich in den Vereinen mit ihren Ritualen, Uniformen, Orden und den übrigen militärischen Klimbim viel ernster als die meisten Berufssoldaten.

So tragen die beiden Wagenlenker der königlichen Narretei natürlich ihre Galauniform. Sie achten peinlich darauf, dass 'Rattikus der Erste' ganz ausgewogen in die Menge grüßt.

Es gilt dabei weder den linken noch den rechten Seitenrand zu übervorteilen. Schließlich soll jeder Besucher das Gefühl haben, dass dies der Höhepunkt im Umzug ist. Der Karnevalsprinz fährt am Ende des Zuges und schließt diesen voller Würde ab.

Rattikus ist unzufrieden. Die maskierten Mäuse und Bären am Straßenrand beginnen schon zu tuscheln und nesteln in den Beuteln. Auch brechen die ersten sofort auf, wenn er durchgefahren ist. Er hatte doch mit mehr Interesse und Begeisterung gerechnet. Das nächste Mal nimmt er einen Kleinlaster und zusätzliche Helfer, die noch mal reichlich Bonbons und Kekse unter den abgelenkten Untertanen verteilen sollen. Es wäre doch gelacht, wenn dann die Stimmung nicht wieder ganz oben wäre.

"Ihr müsst grüßen," flüstert die Maus dem Prinzen zu. Doch der ist gerade in Gedanken versunken. Kann er überhaupt im nächsten Jahr alles besser machen? Er ist doch nur für eine Session gewählt. Wie oft kann er wiedergewählt werden? Nur zwei Amtszeiten wie der amerikanische Präsident, oder drei mit Zusatzzahl wie der russische? Wird er dann 'Rattikus, der Zweite'?

Das sind Fragen über Fragen. Da muss er erst einmal nachdenken. So lange können die zwei da vorn für ihn mitwinken …


Idee: SchneiderHein    Fotos: W.Hein

Es ist vollbracht – jetzt werden demnächst die 8 Teilstücke sortiert und alles sauber miteinander verlinkt. Dann beginnt die Planung für den Rosenmontag 2021. Mit 'Rattikus dem Zweiten' oder einem Gegenprinz. Oder es wird ganz basisdemokratisch ohne das ganze königliche Chi-chi. Dabei haben vielleicht gerade diese Demokraten so eine tiefe Sehnsucht nach Königshäusern und Hochadel, dem sie auch aus fremden Ländern begeistert zujubeln und bei allen Familienangelegenheiten intensiv mitfiebern.