Freitag, 30. November 2018

Flache Freuden



Es ist die Nacht vor dem Ersten. Die kleinen Mäuseriche sind längst bettfein und halten sich nur noch an der heißen Schokolade fest, um nicht schon in die Federn zu müssen. Die rote Schlafmütze hat noch eine letzte Zuckerstange gegriffen, falls in der Nacht sich ein plötzlicher Heißhunger nicht vermeiden lässt. Der kleine Träumer kommt gleich nach, er muss noch ein paar Minuten schinden.

So ist er allein, als plötzlich drei Mädchen in ihren Mänteln im Wohnzimmer stehen. Sie kommen extra von draußen hereingeschneit, weil sich doch ab dem ersten Dezember in jedem Haus die Türen öffnen.

Hier ein Türöffnertag? Davon hat dem kleinen Träumer niemand etwas erzählt. Das einzige neue Ding im Haus ist dieses bunte Bild mit vielen Zahlen drauf, die überall querbeet verteilt sind. "Das sind alles Türen!" Die Rotkappe ist ganz aufgeregt. Vielleicht werden die morgen alle aufgerissen. "Das ist doch nur Papierkram!" Der Mausejunge knibbelt die Tür mit der "1" auf. Wenn es so viele gibt, schadet ein vorzeitiges Eindringen sicher nicht.

 Die Maus im gelben Mantel kann es nicht fassen. "Das kannst du doch nicht machen!" ruft sie entrüstet, doch es ist zu spät. Das ist ein Adventskalender und für jeden Tag bis Weihnachten gibt es ein Türchen. "Das darf nur am richtigen Tag geöffnet werden." Der Mausejunge versteht die Aufregung nicht. "Dann mache ich morgen eben keine Klappe auf." Überhaupt was soll das Ganze? "Erst ist es ein Bild mit lauter Störungen drin. Und dann muss man es jeden Tag weiter durcheinander bringen, damit darunter ein anderes Bild erscheint." Lohnt sich der Aufwand wenigstens?

Es soll ja Adventskalender geben, bei denen es jeden Tag etwas Süßes gibt. Schokolade hinter jedem Türchen. Aber dieses Ding ist vollkommen platt. Da passt nichts dazwischen und es gibt auch keine Beule für die "24". Ein Blick genügt, das lohnt sich nicht wirklich, jeden Tag einen Tag der offenen Tür zu feiern.

Dann können sie jetzt auch Schlafen gehen. Zum Glück gibt es vorab schon die ersten Teller mit Süßkram. Da ist für jeden ein Betthupferl drin. Und es gibt dabei auch keine unsinnige Verknappungen. Wer sagt denn, dass maus im Dezember immer nur ein Stück Schoki am Tag braucht?


Idee: SchneiderHein   Fotos: W.Hein

Subtext zu den Bezugsquellen kommt hier später.


Mittwoch, 7. November 2018

Zur Unzeit


+++ am Ende doch Werbung +++

Vor einer Woche steppte der Bär und die Bärin über das Kürbisfeld.

Es war Halloween und die Gespenster huschten durch die Dachgemäuer. Ein leises "Buh!"Die Kürbismaus erschreckte damit schon die beiden lila Petze, die "Huch!" den getarnten Nager zwischen all den orangenen Herbstfrüchten bis jetzt übersehen hatten.

Damit konnte doch niemand rechnen: das kleine Schrecker wirklich schrecken. Jetzt wurden alle bunten Schwellkörper genau untersucht, ob sie wirklich nur ein Gesicht haben oder sich ein zweites Gesicht dahinter verstecken könnte.

Der Gruselhase wartete immer noch vergeblich auf die ersten Abnehmer seiner Suppe, die weiß dampfend vor sich einkochte.

Die Maus auf der Katze hat sich hinter den alten Baumstumpf geduckt, während davor noch die Gesichterkontrolle der Kürbisse stattfand.

Da könnten die Geister noch so schaurig heulen, Katzenmaus und Katzenkleid strebten nach unten, wo es laut und lustig lockte.

Die einzige Ausnahme war diese Kammer der grüngiftigen Herrin des Hauses, die außerhalb der Partyzone lag.

Langsam hob und senkte sich der schwarze Spitzhut auf der Decke. Die grüne Hexe des Westens hatte endlich in einen unruhigen Schlaf gefunden.

Einen Raum weiter untersuchte die kleine weiße Maus immer noch den Bücherschrank voller alter Lederschwarten, vergessener Schriftrollen und muffiger Staubfänger mit geheimnisvollen Zeichen auf dem Einband. Hier musste doch der Zauberspruch zu finden sein, der jeden Besen von der schnöden Haushaltshilfe in ein schnittiges Fluggerät verwandeln würde.

Diese Kürbisse in der Kiste hatten offensichtlich schon bessere Tage gesehen, als sie noch prall und bunt waren.

Der kleine Knochenmann stand immer wieder fassungslos vor dem überbordenden Schränken und Regalen. Wozu sammelte eine Hexe all diese Dinge, wenn sie danach in aller Ruhe Staub ansetzen konnten? (Er konnte ja nicht ahnen – genau dafür, dass er vor dieser Kulisse einer althergebrachten Zauberklause steht. Einen Hexenort stellt sich wohl jeder unübersichtlich vor und dabei voller geheimnisvoller Hilfsmittel, Werkzeuge und Lagerwaren. So wie jeder Backwarenhandel doch eine echte Backstube hat, aus der der Brötchenduft heraus weht und nicht vom Duftspender kommt, weil hinten die Lieferwagen aus der Backfabrik die halbfertigen Rohlinge aus Osteuropa reinschieben.)

Das lila Monster hatte wohl zu tief in den Kessel mit dem blubbernden Zaubertrank geschaut. Und dabei den einen oder anderen Tropfen probiert, die wohl nicht alle so harmlos waren, wie es die tanzenden Augen in der Suppe zum Anschein hatten.

Das Federmonster schwelgte auf dem Sofa noch in den schrägsten Erinnerungen voll glücklich-schauriger Momente. Da konnte eine kleine Maus nur mit offenem Mund neidisch zuhören, wenn die Nachbarin von ihren schrecklich-schönen Reisen mit einer ständig aufs Beste missgelaunten Hausherrin berichtete.

Die grüne Hexe ging derweil auf eine ganz andere Reise – weit … weit weg in ihren schönsten Albträumen.

Sie hatte dafür Ihre Koffer gepackt und war in den Süden geflogen, bevor die kleinen Schrecker in ihr Haus eingefallen wären.

Ihre geflügelten Unholde hatten erst gemuffelt, weil sie keinen Urlaub "am Arsch" machen wollten. Die Hexe wollte mit Ihnen an die 'Kot' reisen: "An die 'Kot' und nicht an den Kot!" Diese Affen sollten mal zuhören, wenn sie von der Kot-Da-Sür spricht.

In einen sonnigen Süden würde eine kleine weiße Maus jetzt auch gern fliehen. Diese Bücher hatten längst viel zu viel Eigenleben. Doch ohne diese verdammte Zauberformeln fürs Besenfliegen wusste der naseweise Nager nicht, wie er so schnell dorthin kommen soll.

Die Küchenmonster mussten immer wieder Kohlen nachlegen, damit die Gruselkeks-Produktion nicht zum Erliegen kommt. Das nächste Mal bleibt die Küche kalt und nur die mitgebrachten Vorräte werden umverteilt. Dann könnten die Monster mitfeiern und müssten auch nicht für alle im Maschinenraum der Feier schwitzen. 

Das Magendrücken eines lila Monsters war nicht besser geworden. Doch, ob das hier die richtige Hausapotheke war, um die Schmerzen zu lindern? Die meisten Schilder und Zeichen sahen nicht besonders vertrauenserweckend aus. Und bei vielen Inhalten wusste auch keiner der Anwesenden zu sagen, was da genau in den Gläsern zerrieben wurde oder noch träge in trüben Wassern schwamm. 

Am Buffet hatte das geflügelte Monster eine fleischfressende Pflanze zwischen all den Naschereien entdeckt. Die ging hier wohl selbst auf die Jagd und wollte sich nicht mit einem Platz am unteren Ende der Nahrungskette abfinden.

Die Party war noch lange nicht auf dem Höhepunkt angekommen. Bis Mitternacht war ja noch so viel Zeit. Bis jetzt störte es niemanden, dass die Hausherrin schon längst abgetaucht war und die Gäste sich selbst überlassen hatte.

In ihren Träumen war die Dame des Hauses weit weg von diesem Trubel. Sie lag auf dem Balkon in der Sonne. Ihren Bikini wollte sie später suchen, wenn sie wirklich angekommen ist. Bis dahin sollten die geflügelten Helfer ihr auf die Schnelle einen Imbiss besorgen.

Doch diese Affen haben ihr nur dieses überall gleiche Schnellessen gebracht. Dafür mussten sie noch nicht einmal etwas Neues lernen – das kannten sie auch von zuhause. An der Strandpromenade gibt es auch hier labrigen Brötchen mit Hackplatten in Schnitzelsalat und dazu große Eimer mit süßbrauner Brause, die mit dem Strohhalm eingesogen werden sollte, damit das ganze Eis beim Trinken nicht an die Zähne schlägt.

Morgen lässt sie die Helfer wieder ausschwärmen. Und wehe, die Flügelprimaten kommen ohne knuspriges Stangenweißbrot, in Knoblauch geschwenkten Meeresfrüchten und einem anständigen Rotwein zurück. Es sind schließlich ihre Albträume – da muss sie nicht alles in sich hineinfressen.


Fotos: W.Hein

Da ist wieder so ein böses Logo, das hier alle Leser willenlos macht. Kaum hält unsere Hexe von Deb Canham den roten Becher mit weißer Schnörkelschrift ins Bild, schon stürmen alle zum Kühlschrank und ärgern sich, wenn dort nur eine Pepsi steht. Das ist diese schleichende Werbung, die hier alles durchzieht. Und natürlich gilt das auch für die nun folgende Erwähnung der Schöpfer all dieser wunderbaren Miniaturen, die diese Bilder erst so reich und übervoll machen: Dreamhobby, Fietelinke, Georgia Marfels, Melliminis, Mellimirco, Minis1to12, Minisforall, Ruthsminis, Smiletigger, Soallerlei, um nur einige alphabetisch zu nennen. Denn eigentlich sind wir nur Ausstatter und Regisseur, die hier in Szene setzen, was andere erst in liebevoller Kleinarbeit geschaffen haben. Und die dafür auch dann noch in vergangenen Zeiten schwelgen, wenn alle längst schon in Weihnachtsstimmung kommen und auf den ersten Schnee warten …