Mittwoch, 20. Juni 2018

Zeittreibende



Die hektischen Fremden sind endlich weg. Der Meister genießt die wiedergewonnenen Freiraum. Seine Kammer ist wirklich sehr eng, wenn die ganze Zeit zwei zusätzliche Mäuse aufgeregt umher wuseln, weil sie ständig Selbstverteidigung mit Händen und Pfoten lernen wollen.

 Der Sensei hat Glück: Inspektor Ito-San ermittelt gerade wieder in seinem kleinen Schwarz-Weiß-Fernsehen. Gerade bittet ihn eine Unschuld vom Lande um Hilfe. Sie ist in der Großstadt in schlechte Gesellschaft geraten. Und nur die Tokyo Police Squad kann ihr jetzt noch helfen. Da trifft es sich gut, dass die Truppe gerade jetzt fast eine Stunde Zeit hat, die Stadt wieder etwas besser zu machen.

 Honshu, der weise Japan-Wolf blättert eifrig in der Fernsehzeitung. Wie viele Folgen hat er jetzt durch die Ausbildung der beiden Mäuse verpasst? Da trifft es sich gut, dass fast alle Fälle von Inspektor Ito-San immer dem selben Strickmuster folgen. Kennt man einen, überraschen einen die anderen nicht.

 Lange Zeit verbringt der Inspektor mit dem Nachdenken über die neuen Informationen. Er beachtet dabei nicht, was außerhalb seines Hochhaus-Büros mit dem Blick auf die Bucht von Tokyo passiert.

Stattdessen sichert er lieber die Beweise und vertieft sich in eine Kiste mit Lebensspuren von Opfern und Tätern.

Da klopft es an die Shoji-Tür. Der Sensei blickt überreascht seinen Kohai an und dann zur Tür. Erwarten sie jemanden? Schon wieder? Die ungebetenen Fremden sind doch gerade erst weg.

Und sie sind schon wieder da. Die beiden Mäuse deuten eine knappe Verbeugung an, als sie wieder in den Raum stapfen: "Äh hallo wir sind's. Wir haben noch etwas vergessen"

 Die weiße Maus trippelt aufgeregt zum schartigen Samuraischwert des Sensei. "Wir haben das Hauen und Stechen mit bloßen Pfoten ausprobiert. Doch an diesen Blechdosen" – Sie meint die Bö-Botz, die kalten Roboter – "knicken wir uns nur die Finger." Da müssen sie härter zuschlagen … am besten gleich mit noch härteren Stahlschwertern. "Wir müssen schnell noch Schwertkämpfer werden."

Vorher will der Schüler noch wissen, wie sie sich schon die Finger an den Metallmonstern abknicken konnten, wenn sie doch gerade erst zur Tür heraus gegangen sind. Da war doch überhaupt keine Zeit zum Pfotenhauen. "Och, das ist überhaupt kein Problem," winkt die weiße Maus ab: "Wir sind doch Zeitreisende."

Der Meister kann da nur den Kopf schütteln. Und verpasst die nächste dramatische Wendung im Fernsehen: Gerade sind dort die jugendlichen Tunichgute im Bild. Der aufmerksame Zuseher hat damit schon einen Vorsprung vor dem Kommissar, der die jungen Rabauken erst noch finden muss. Doch dieser Vorsprung wird dem Sensei nichts nutzen, wenn er mit den beiden Mäusen jetzt sofort Schnitzelwerken soll, damit sie über Kendo den Schwertkampf der Samurai lernen. Er wird wieder viele Folgen sorgfältiger und übersichtlicher Polizeiarbeit versäumen.

So verpasst er gerade den Höhepunkt jeder Folge. Kommissar Ito-San hält gerade Zwiesprache mit seinem Goldfisch. Er fasst alle Fakten zusammen und überlegt, wie er den Tätern näher kommen kann. Vielleicht blubbert der Flossenfreund gerade einen großartigen Plan für eine Tunichgut-Falle. Wenn ihn Ito-San etwas besser verstehen würde. So muss er wieder allein ohne Plan auf die Straße.

Wie diesmal die Rabauken doch noch gefasst werden, wird der Sensei Honshu bei dem hektischen Auflauf in seinem Raum nie erfahren. Da will er doch lieber wissen, was dieses merkwürdige Zeitreisen bedeutet.

Wenig später stehen alle mitten im Kirschgarten und der alte Samurai und sein Schüler staunen über diesen hässlichen Metallkasten, mit dem die beiden Nager hier gelandet sein wollen. Das sei eine "Zeitmaschine" - das ist so erstaunlich … da kann man wohl keine Schönheit und Harmonie verlangen. Überhaupt das Zerreißen der Zeit und das Fetzen an der Folge der Dinge ist so eine gewalttätige Idee, der Sensei seufzt, vielleicht muss ein Werkzeug dafür so kantig kühl sein. Die weiße Maus beschwört ihn: "Das muss unser Geheimnis bleiben!" Nun, welch vernünftiges Wesen würde ihm glauben? Was soll er also schon groß erzählen?

Zum Beweis zeigt Jack dem alten Japaner ein Heft, das sie mitgebracht haben. Ein Sport-Almanach, der von 1950 bis ins Jahr 2000 alle Daten sammelt. "Das ist doch die Zukunft! Das steht sogar auf dem Titel."

Damit die beiden Eingeborenen ihnen glauben, führen die weiße Maus und Jack ihre Zeitmaschine vor. Der Sensei und sein Kohei haben jeder eine Sonnenbrille bekommen, die grellen Blitze beim Start sollen sie nicht blenden.

  Ein kurzes Flackern und die silberne Kiste schwankt immer noch leicht in der Luft. Merkwürdigerweise ist sie nun mit einen feinen Eisschicht überzogen.

 "Habt ihr's gesehen?" ruft die weiße Maus aufgeregt, als zischend die Tür hochfährt:"Das war ein Zeitsprung und eine Punktlandung!" Sie ist echt stolz, wie genau sie das inzwischen hinbekommen. So genau, dass Honshu immer noch nicht glauben kann, das sie überhaupt weg gewesen sind.

Aber sie haben extra einen Beweis mitgebracht, dass sie wirklich einen Abstecher in die Zukunft gemacht haben. Vorsichtig tänzelt Jack über die gefrorene Motorhaube und stellt dann einen Laptop vor den alten Meister. Damit er künftig keine Sendung mit Kommissar Ito-San verpasst, haben sie alle Folgen im Internet gesammelt und auf die Festplatte gespeichert. Jack startet den Rechner und Honshu blickt ungläubig auf diesen flachen Bildschirm, kaum dicker als ein Stück Pappe, auf dem plötzlich die 'Tokyo Police Squad' ermittelt.

  Es ist sogar die Folge, deren Ende der Sensei verpasst hat, als sie so plötzlich aufgebrochen sind, um sich eine Zeitmaschine erklären zu lassen. Der Komissar Ito-San ist gerade in einem alten Viertel von Tokyo unterwegs, wo die alten Holzhäuser dicht an dicht stehen und die Gassen dunkel und unübersichtlich sich durchschlängeln.

 Hier ist er plötzlich von drei Tunichguten umringt, die schelmisch grinsen, als sie ihn langsam einkreisen

"Das kann ich jeder Zeit sehen?" ungläubig schüttelt der alte Meister sein Haupt. "Klar, das ist auf dem Gerät gespeichert," nickt die Maus. "Dieser Fall und 127 weitere Folgen, in denen dieser steife Knilch mit seinem Goldfisch im Büro spricht." "Dann wird es Zeit," Honshu klappt dieses neumodische Fernsehbuch zu. "Wir müssen zum Training."

Jack tappt langsam in den leeren Tatami-Raum, als der Sensei die Shoji-Tür öffnet. "Hier lernen das Schwerter-Schwingen?" Auch eine kleine weiße Maus kann es kaum erwarten, dass der Kohei sie auf die Matten lässt.

Es geht weiter …



Fotos: W.Hein


So ist das mit den Zeitreisenden. Kaum sieht man sie beim Erdbeerfest schon sind sie wieder in Japan. Hier treffen sie wieder Honshu, den Japan-Wolf von Victoria Kukalo. Die Tatami-Räume kommen direkt aus Japan, sind die dortigen Puppenstuben für Traditionalisten. Für das richtige Japanfeeling sorgen die Shutterstockbilder von Betibup33, ESB Professional, ElessarDesign, Jannoon028, Thayut Sutheeravut, 24 Novembers und natürlich stammt der Godzilla in der Bucht von Tokyo aus den klassischen Filmen "Gojira" des Regisseurs Ishiro Honda von 1954 (Toho Studios).


Kommentare:

Claudia hat gesagt…

WOW ...........ich habe gespannt diese GEschichte glelesen und bin, wie immer, schwer begeistert! Sogar einen DeLorean habt ihr in Eurem tollen Fundus :O) ICh liebe Zeitreisen, es aht mir sehr viel freude gemacht!
Vielen herzlichen Dank ihr beiden!
Ich wünsche Euch noch einen zauberhaften Wochenteiler!
♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

heinwerken hat gesagt…

Liebste Claudia,
ich bewundere immer deinen Todesmut, sich sogleich durch die Geschichte zu forsten, auch wenn manchmal Grammatik, Satzbau und Getippe noch ein rechtes Verhau sind. Nun ist der Text hoffentlich ein wenig lesbarer. Der DeLorean hat doch schon seinen dritten Auftritt;-) Und er macht es viel leichter, eine kleine weiße Maus an die unglaublichsten Orte zu bringen.
Die auch ene wunderschöne Restwoche

Lieb Grüße zurück Wolfgang

Anonym hat gesagt…

Hallo ihr Lieben, danke für Antwort auf Kommentar ... und für schon wieder neuen Post : Super-Mix aus den letzten Storys ... Japan und Krimi ... farbig und schwarzweiß ... Future und Zeitreisen vorwärts und rückwärts ; -) Habs jetzt nur überflogen ... werds mir nachher nochmal anschauen und genießen und schmunzeln :-) Herzliche Grüße und viel Gutgehen für die Restwoche , Manu ;-)

heinwerken hat gesagt…

@ Manu,
es geht weiter in Japan. Auch wenn es langsam wohl keiner merkt, weil die Szenerie wohl zu gleichförmig ist. Immer diese klargegliederten Räume mit den Strohmatten. Und der Sensei braucht wohl genauso lange wie ich, sich von seiner Lieblingsserie zu verabschieden. Ich bin übrigens fest davon überzeugt, dass es so eine Serie auch in echt im japanischen Fernsehen gegeben hat. Ich erinnere mich schwach an frühere Beispiele, was in anderen Ländern läuft, so wie ich mich an Beispiele von amerikanischen Originalprogrammen mit Werbeunterbrechungen erinnern kann, die im Dritten Programm aus Weiterbildungsgründen ausgestrahlt wurden. Aber jetzt muss der alte Samurai sich eh ein anderes Fernsehprogramm suchen und ich habe Zeit, das Erbeerfest zum Abschluss zu bringen ;-)
Danke für deinen Kommentar und ich hoffe, das Schmunzeln hat geklappt.

LG Wolfgang