Dienstag, 12. Juni 2007

Das Brumsel-Rohr

"Na endlich! Wo bleibst du denn?" Nelleke tänzelt schon über eine halbe Stunde von einem Bein auf das andere. Mindestens! Julian hat Glück, dass die kleine Bärin noch keine Uhr hat, womöglich hat sie ja noch länger gewartet. Dabei sollte er doch bloß schnell die Kamera holen und zu ihr in den Garten kommen. Und dann ist er stundenlang verschollen. Wo sie ihm doch unbedingt ihre neue Erfindung zeigen muss.

"Das ist mein Brumsel-Rohr! Das habe ich gebaut, damit wir die Brumseln besser hören können. Und damit wir ganz dicht rankommen, tarnt es sich als Riesenbrumsel. So gelb mit schwarzen Ringeln. Das sehen die gar nicht. Und wenn, denken sie bestimmt: Ah, da kommt eine große Schwester." Jetzt kann bei der großen Brumseljagd im Garten nichts mehr schiefgehen. Sie wird die Brumseln finden und Julian muss sie dann nur noch fotografieren.

Die große Gartenexpedition kann beginnen. Nelleke hält sich ihr Brumsel-Rohr ans Puschelohr. Julian muss ganz still sein. Damit Nelleke besser hören kann. Sie dreht sich langsam im Kreis und zielt mit der gelben Pappröhre auf jede Blüte. Sie horcht ganz genau hin. Schon bald hört sie das erste Brummen. Es kann nur von den weißen Blüten am Teich kommen.

Julian nimmt die Kamera hoch und macht sich bereit. Ein sicherer Stand ist ganz wichtig und tief durchatmen - das Insekt kann kommen. Seine kleine Freundin lässt noch einmal das Brumsel-Rohr kreisen. Dieses Brummen ist doch ganz nah. Das Flugvieh muss hier irgendwo sein ...

"Da ist sie! Julian schnell, mach Foto." Nelleke ist ganz aufgeregt "Los doch, Julian, sonst ist sie weg." Und Julian fotografiert. Oder er versucht es zumindestens. Denn mit ruhig durchatmen und genau zielen ist es vorbei, als die Biene durch die Luft zischt. Wie soll er da bloß scharfstellen. Er folgt mit wilden Schwenks dem Zickzack-Flug des gelbschwarzen Brummers und drückt immer wieder auf den Auslöser. Das gibt sicher einen "schnellen Garten" wenn alle Bäume und Blumen verwischt durch das Bild sausen. Aber Nelleke ist richtig begeistert. Und deshalb müssen sie schnell weiter, die nächste Brumsel suchen.

Immer tiefer führt die Suche die beiden Forscher in die "grüne Hölle". Brumseln sind für Nelleke alles, was beim Fliegen brummt. Bienen, Wespen, Hummeln. Nur diese komischen gelb-schwarzen Fliegen sind falsche Brumseln. Denn die sehen zwar so aus, aber schwirren mit nervig hellem Ton. Brumseln dagegen klingen schön und tief. Weil die wie Bären brummen. Nur der alte Seebär kann noch viel tiefer brummen, wenn er schläft.

Nelleke setzt wieder das Hör-Rohr an. Hier muss es doch auch brummen. Hoffentlich, denn Nelleke hat gehört, dass in diesem Jahr überall auf der Welt die Bienen verschwinden. In Amerika müssen die Obstbauern jetzt ganz schnell jemand anderen finden und anlernen. Sonst gibt es bald keinen Orangensaft zum Frühstück. Das hat Nelleke so beunruhigt, dass sie selber im Garten nachsehen muss, ob es noch ordentlich brummt. Und Julian hat sie mitgenommen, damit er alle Brumseln fotografiert. Denn das ist ganz wichtig, weil man auf richtigen Expeditionen doch immer was sammeln und beweisen muss.

Da ist wieder eine Biene. "Julian, Foto!" Aber der Bärenjunge weiß wieder mal nicht, wo er hinzielen soll. Nelleke zeigt ihm das davonsummende Insekt. Das mit den Beweisfotos ist viel schwieriger als gedacht.

Endlich wird es einfacher. Julian wartet, bis die Bienen landen. Immer wenn sie in eine Blüte tauchen und laut brummelnd sich die kleinen gelben Säckchen an den dünnen Beinen mit leckerem Pollen füllen, kann der Bär ein gutes Foto machen. "Nicht so lahm!" Nelleke dauert das viel zu lange. "Gleich ist sie wieder weg." Nelleke schiebt und drängelt. Sie braucht noch ganz viele Brumselfotos.

Schon hat die kleine Bärin wieder die Ortung aufgenommen. Mitten auf der Betonfläche lässt sie ihr Horchdingsbums kreisen. Von Beet zu Beet, von Blüte zu Blüte. Damit sie noch ganz viele Brumseldinger hören kann. Denn Bienen und Bären gehören doch zusammen: Weil beide brummen. Und weil Bienen Honig machen. Nur damit Bären ihn essen können. Denn sonst könnten die Bienen ja auch was anderes machen. Nuss-Schokoladen-Mus zum Beispiel. Das isst Nelleke auch gern. Aber nicht so gern wie Honig. Deshalb dürfen die Bienen doch nicht einfach verschwinden. Und deshalb muss Nelleke auch ganz genau wissen, dass es genug Brumseln im Garten gibt.

Da ist wieder eine. Diese blauen Blumen mögen sie sehr gern. Denn hier summt es an allen Ecken. "Foto!" Und Nelleke bleibt zur Sicherheit in der Nähe, damit Julian nicht wieder so lange rumsuchen muss.

Bei diesen Rosen gibt es auch brummenden Besuch. Nelleke wird mit der Zeit etwas gelassener. Es scheint hier noch eine Menge Brumseln zu geben. Auch wenn man die falschen weglässt, diese Flugviecher, die nicht richtig brummen können.

"Julian da kommt wieder eine!" Nelleke streckt ihren Arm nach dem aufgeregten Flieger aus. "Wenn ich ganz ruhig bin, meinst du, dass sich die Brumsel dann auf meine Nasenspitze setzt" Sie wirbelt schnell um die eigene Achse, damit sie Julian besser sehen kann. Der versucht gerade das nächste Blütenfoto. "Du Julian, Brumsel mitten auf der Schnauze. Das wäre ein Foto!" Wenn Nelleke mal einen Moment ganz ruhig wäre ...

Aber die ist schon bei der nächsten Blüte. "Julian, komm schnell her! Hier ist eine mit einem weißen Puschelhintern." Denn Nelleke hat schon so viele Brumseln gesehen, dass sie längst weiß, dass nicht alle gleich aussehen. Dass es dicke behäbige Hummeln gibt, pfeilschnelle Wespen, die durch die Beete zischen und Bienen haben offensichtlich arme Verwandte. Die sind viel kleiner und können sich nicht so bunte, dichte Pelze leisten. Die sind mehr nackt und braun, aber auch ganz fleißig. Und machen sicher auch ganz viel Honig. Jetzt muss Nelleke nur noch rausbekommen, wie der Honig vom Garten in die Gläser im Laden um die Ecke kommt.

Nachdem die beiden Bären richtig lange den Garten erkundet haben, sind sie richtig erschossen. Das hat auch sicher mehrere Stunden gedauert. Mindestens! Nelleke braucht dringend eine Uhr. Aber jetzt muss sie sich mit Julian erst einmal die Fotos ansehen. Denn die Kamera ist so voll mit Brumseln, dass keine mehr reinpasst.

Auf den ersten Bildern gab es nur verwischten Garten zu sehen. Und einen dunklen Fleck. Das kann aber auch Nelleke Pfote gewesen sein. Und hier ist die erste Biene, die man erkennen kann.

Das ist auch wieder Nelleke. Die war halt immer schneller, bevor Julian alles richtig machen konnte: Scharfe Biene, gutes Licht und schöne Blumen ...

Hier hat Nelleke Julian gezeigt, wo die Brumsel sitzt. Bevor der Bärenjunge wieder sooo lange braucht.

In der Wiese unten am Klee hat sich auch eine Biene versteckt. Die hätte der Fotograf sicher übersehen. Was hätte Julian bloß für Bilder gemacht, wenn er Nelleke nicht hätte?

Nelleke ist glücklich. So viele tolle Bilder von Brumseln. Und die meisten hat Julian ja gar nicht erwischt. Am Besten gehen sie morgen wieder auf Expedition und fotografieren noch viel viel mehr ...

Fotos: W.Hein & Julian
Julian & Nelleke von U.&C. Charles (RicaBär)
Nellekes Jeansanzug und Häkelshirt von U.Schneider
Stiefel aus der Bärenhöhle, Hannover


Kommentare:

michi 2412 hat gesagt…

Es wäre wirklich an der Zeit, dass Du diese wunderbaren Bildgeschichten verlegen lässt.

Ich melde mich schon mal für den Erwerb eines Exemplares (mit persönlicher Widmung!!)

Bärige Grüße von Michi & dem Jungbären

Anonym hat gesagt…

Eine supertolle Geschichte! Das habt Ihr wirklich toll gemacht! Ich bin begeistert!
Liebe Grüße
GGG

SchneiderHein hat gesagt…

@michi
Wir sind schon richtig glücklich, dass das im Moment alles so gut klappt: Dass (fast) pünktlich jede Woche eine Bärengeschichte fertig wird. Dass Bilder und Text offensichtlich passen. Und dass es schon BEGEISTERTE FANS gibt, die darauf warten.
Viel mehr geht aber auch zur Zeit noch nicht: Für ein Buch müsste es mehr Geschichten geben und mehr Zeit. Auch müssten wir dann irgendwie den Aufwand auf eine andere Stufe heben. Verlag suchen oder selbst verlegen geht leider nicht noch so nebenbei. Obwohl mit tolldreisten Plänen können wir es mit den krausen Gedanken in den Fusselhirnen von kleinen Bären sicher aufnehmen - Silke träumt zum Beispiel noch von einem Super-Buch in drei Bänden im Schuber und ich schreibe in Gedanken eine Bären-Soap in unserem Haushalt. Bis es soweit ist, können Nelleke, Frederik und Fussel erst mal noch ein paar Abenteuer erleben. Wir sind ja genauso gespannt, wie es weitergeht. Und wenn es vielleicht mal was für die Bücherwand gibt, werden es alle rechtzeitig erfahren - schon aus purem Eigennutz!
Und jetzt hoffe ich auf Sonne für eine Fotopirsch, denn Frederik ist seit Tagen stundenlang im Garten verschwunden ...
LG Wolfgang

SchneiderHein hat gesagt…

@anonym (GGG incognito)
Vielen Dank auch hier für diese stürmische Begeisterung und natürlich auch für den regelmäßigen Besuch. Auch wenn Ihr demnächst eine Zwangspause wegen Urlaub einlegen müsst - viel Spaß auf Amrum. Eigentlich müssten wir Euch den alten Seebären ja mitgeben, damit er rechtzeitig zur Saison zu seinem Job auf der Touristen-Nuss-Schale kommt, aber er lässt wohl dieses Jahr die Insel ausfallen - wie wir (schnief!). Sonnige Tage und eine nette Zeit mit Freunden und Familie wünschen Silke + Wolfgang

michi 2412 hat gesagt…

Liebe Silke, lieber Wolfgang!

Ich glaube, dass es einmal an der Zeit ist, Euch zu schreiben, was Ihr für ein herrlich, liebenswertes, verrücktes Gespann seid.

Eure Kommentare und Gedanken entlocken mir immer ein entrücktes Lächeln (wie in meinem Mark Twain Post). Wenn mich meine Arbeitskolleginnen so vor dem Computer erwischen, muss ich aufpassen, dass sie mich nicht in die Klapse (Irrenhaus)stecken.

So lieber Wolfgang genug gelobhudelt, jetzt mach Dich auf die Suche nach Frederik.

Graue und Bärige Grüße aus Wien

guild_rez hat gesagt…

herrliche Aufnahmen..Biene sind auch da, freue mich darüber.
Ich habe den link "Bären in Haus & Garten" an meine Tochter in Schweden gesandt. Die kleinen Enkel werden sich bestimmt darüber freuen.
Ja, ich hatte einen Teddy Bär, zwar recht klein, aber sehr geliebt.
Lg Gisela

Yolanda Elizabet hat gesagt…

What a wonderful story! I've enjoyed it very very much. The pictures are lovely too and fit the story very nicely. Love those bear outfits! Do you make the clothes for the bears yourself?

Nelleke is my favorite, she is too cute for words and makes me laugh!

SchneiderHein hat gesagt…

@Yolanda
Die Kleidung wird nur teilweise bei meiner Mutter in Auftrag gegeben (Jeans-Overall und Badedress für Nelleke). Manchmal hatten wir Glück Jeans-Jacken und Hosen auf Bärenbörsen oder bei unserem Bären-Ausstatter der Bärenhöhle in Hannover zu finden. Aber wie bei vielen unserer Sammlungen brauchen wir meist Jahre bis sich die einzelnen Elemente zu einem großen Ganzen zusammenfügen.