Sonntag, 26. August 2012

Da ist der Wurm drin



Müde schleppen sich zwei Petzinnen durch die Sommerhitze. Selbst das dichte Grün am Teich spendet über Mittag keine Kühle. Nelleke und Marie kommen gerade vom Bärenbrutzeln im Strandkorb. Das machen die beiden schon seit Tagen. Damit sie etwas erzählen können, wenn endlich die Postkarten mit Gartengrüßen geschrieben werden. Aber bis jetzt ist beim Sonnenbaden noch gar nichts passiert. Auch eine kleine weiße Maus fühlt sich viel zu matt für tolldreiste Geschichten. Was schreiben bloß die anderen im Sommer auf ihre Karten?

Dabei müssen sich die beiden Mädchen ranhalten. Das Bild auf dem Kalender zeigt den Strandkorb-Monat für kleine Bären. Und Nelleke behauptet, der ist jetzt bald vorbei. Sie haben sich schon so viele Tage das Foto angesehen und sich dabei das Hirn zermartert, welche Aufregungen das Hocken im geflochtenen Küstenmöbel bietet. Wenn sie nun einen knatternden Korb-Motor hätten und natürlich breite Räder unterm Sitz. Auf jeden Fall auch eine laute Hupe und Stoßstangen aus Glitzersilber. Dann könnten sie mit dem Strandkorb über die Betonfläche pesen und Marie könnte dazu ihr Dreirad holen. Im Moment ist dieser Holzhort für Faulenzer eigentlich nur Steh-im-Weg im Grünen. 

Die Viererbande hat erst einmal genug vom Sonnenbaden und ist auf dem Weg zum Eisfach im Kühlschrank. Mit einem klirrekalten Orangenwassereis am Stiel in der Pfote kann man sicher viel besser nachdenken. Raff Raff ist schon mal voraus gelaufen und hat auf dem Steg noch einen weiteren Kalender entdeckt. Da sind auch Nelleke und die kleine Maus zu sehen ... aber eben kein Strandkorb. Wie soll ein Kuscheltier wissen, ob das nicht ein wichtiger Hinweis ist? Wenn die Mädchen doch nicht immer so trödeln würden ...

 
Als Zweitentdeckerin kommt die kleine weiße Maus. Diese Aufstellkalender sind doch ideal für flinke Nager, denn es gibt da immer einen Schattenplatz für eine kurze Verschnaufpause. Oder eben eine längere bei schleichenden Trödelinchen.

Endlich sind die beiden Bärenmädchen träge heran getrottet. Die kleine weiße Maus und Raff Raff können es kaum noch erwarten, ihren Fund zu zeigen. Die vorlaute Nagerin trippelt aufgeregt von einer Pfote auf die andere: "Ihr werdet es nicht glauben, aber Nelleke ist verrückt geworden."

Die kleine Bärin staunt nicht schlecht, als sie den neuen Kalender ansieht, den das rote Langhalstier gefunden hat. Er sieht zwar fast genauso aus wie ihr Strandkorb-Kalender, aber hier trägt sie ein dickes Strickkleid, eine wollene Kappe und lange Socken. Die vorlaute Petzmaus hat recht: Das ist verrückt! So etwas würde Nelleke jetzt doch nie anziehen. Da fließt der Schweiß doch so in Strömen, die kleine Maus könnte auf der Pfütze Boot fahren.

Auf dem nächsten Blatt saust Lena durch das Bild. Aber sie hat dabei so eine lange Fließweste an. Dabei reicht der Fahrtwind doch gar nicht aus, um bei dieser Hitze zu kühlen. Vielleicht ist das jetzt Saunafahren für Wollnaturträger oder ein Schwitzeschnuckenrennen?

Marie beschattet die Augen mit der Pfote. Eigentlich klebt heute selbst das dünne Hemdchen auf dem Fell. Deshalb hat sie sich im Strandkorb schon gar nicht mehr anlehnen wollen, der Stoff auf dem Rücken wäre sofort durchgeweicht. Und sie schwitzt sogar noch viel mehr, wenn sie nur an mollige Fusselkleider denkt.

"Da ist doch der Wurm drin." Nelleke schüttelt den Kopf. Wohin sie auch blättert: Auch dieser Bär trägt einen dicken Pullover und verkriecht sich in einer Filzfrucht. Der geht doch bei der Hitze in der grünen Stoffschale ein wie eine Priemel im Mixer. "Wer macht denn einen Kalender mitten im Sommer mit lauter schweren Wollsachen?"

"Das ist ein Kalender für Fehlzeiten!" Die kleine weiße Maus hat auf dem Titel die Zahl "2013" entdeckt. "Die dicken Wollpullover sind ja erst für das nächste Jahr" Da ist jemand noch viel ungeduldiger als kleine Bären und der macht schon jetzt viel zu frühe Kalender. "Den braucht doch noch keiner," mault Marie."Das bringt ja alles durcheinander." Denn für sie ist immer noch dieser schwierige Strandkorb-Monat. Und kleine Bärinnen müssen weiter überlegen, was sie denn so Aufregendes erleben können. Aber das ist bei der Hitze eigentlich viel zu anstrengend.

"Komm Raff Raff, wir holen uns endlich Schlabberwassereis!" Marie winkt dem orangeroten Frotteetier. Es ist soo heiß, dass kleine Sommerpetze davon fließen, wenn sie jetzt kein Eis am Stiel bekommen. Und da ist es doch viel besser, dass das Eis fließt und tropft. Statt kleiner Bärenmädchen ... das wird doch auch Anna einsehen. Die klebrigen Pfoten sind dabei ein notwendiges Opfer an den Sommer. Und dann haben sie vielleicht auch endlich eine Idee, worüber sie auf den Strandkorb-Postkarten berichten können.

Nelleke hat schon jetzt einen tollen Einfall: "Wie wäre denn eine Eiszählung?" Sie werden ganz viel gefrorenes Orangenwasser schlickern und dabei die Holzstäbe zählen. "Das ist eine Eis-Statistik," murmelt ein naseweiser Nager. Die Mützenbärin lässt sich davon nicht beirren: Wer die meisten Kleckereis am Stiel verdrücken kann, hat gewonnen. Und dann testen sie, wie klebrig die Pfoten vom Eishalten werden. Vielleicht kann Nelleke dann die weiße Maus mit der Pfote hoch heben, ohne sie dabei festzuhalten. Nur mit Zucker-Klebkraft. Raff Raff ist wahrscheinlich doch zu schwer. Aber das sollten sie ausprobieren. Hoffentlich hat Anna auch genügend Eisvorräte ...


Fotos: W.Hein


Kleine Bärinnen leben im Hier und im Jetzt. Deshalb haben sie auch keinen Sinn dafür, dass der neue Bärenkalender "Teddy & Co 2013" aus dem Kawohl-Verlag gerade frisch erschienen ist und nicht nur dort, sondern auch bei Amazon erhältlich ist. Neben dem Postkartenkalender gibt es auch wieder einen Wandkalender und einen Aufkleberkalender. Und wenn Nelleke meint, dass in dem Kalender schon jetzt der Wurm drin ist, hat sie noch nicht einmal das Bild von der Apfelernte entdeckt.


Mittwoch, 22. August 2012

Ferienjob





Marie und Nelleke leisten gerade Schwerstarbeit. Sie baden jede freie Minute in der Sonne, obwohl es dafür noch nicht einmal so ein Abzeichen wie für das Nassbaden gibt. Aber um Postkarten vom Strandkorbsitzen verschicken zu können, müssen kleine Bärinnen auch im Strandkorb sitzen bleiben. Sonst wäre das ja gelogen. Zum Glück helfen Raff Raff und die kleine weiße Maus beim Absitzen der Sonnenstunden. Das Brutzeln in der Hitze ist nur soo langweilig! Doch von Zeit zu Zeit können die beiden davon sprinten, um Anna nach klebrig-gelben Wassereis zu fragen. Und weil Anna immer öfter nein sagt, müssen sie dann auch häufiger fragen. Vielleicht können sie doch schon mal langsam die ersten Karten vom öden Bärengrill verschicken ...

Foto: W.Hein

Nelleke und Marie sind quirlige, vorlaute Rica-Bären. Die kleine weiße Maus sagt immer, mit Deb Canham ist sie auch nicht von schlechten Eltern. Und Raff Raff lächelt immer so glücklich versonnen, so fällt es kaum auf, dass Maries Frottee-Tier nie etwas sagt.



Sonntag, 12. August 2012

Die gefundene Welt



 Etwas ist heute seltsam im Garten. Lisa hat die ganze Zeit das Gefühl, dass kleine kühle Augen sie und Kaninchen die ganze Zeit beobachten. An anderen Tagen rascheln die Vögel im Gebüsch ... doch heute hört es sich mehr wie dumpfes Klatschen und Knacken an. Bis jetzt hat die kleine Bärin noch nichts gesehen, aber es ist so unheimlich, dass Lisa überlegt, ob sie überhaupt etwas sehen will.

"Lass mich! Lass mich! Hier kommt der weltgrößte Unheimlich-Entdecker und allerbeste Heimelig-Macher!" Linus stürmt heran und hat schon Angst etwas zu verpassen. Überall rumpelt es im Gebüsch? Das ist doch nichts für kleine Bärinnen und ihre Kuscheltiere. Aber für ihren todesmutigen Bruder!

 Schon stürmt Linus vorbei und schlägt sich gleich ins Unterholz. Das Unheimliche lauert doch im Dickicht und nicht in der Sonne auf dem Steg. Da kann Lisa noch so viel winken ... die Wildnis ruft und das ganz sicher hinten in der grünen Hölle.

 Die kleine Bärin schüttelt nur den Kopf. Typisch Linus! Immer die ganz großen Flausen im Kopf und keine Zeit für die wichtigen Kleinigkeiten. Zum Beispiel diese kalten Augen waren dort im Gebüsch und sie war doch noch gar nicht hinten im Garten. Weil es schon am Teich viel zu unheimlich war. Das Kuscheltier hält sich auch schon die Augen zu. Und weil kleine Brüder keine große Hilfe sind: "Kaninchen, wir suchen jetzt Anna!"

 Der kleine Petz ist inzwischen tief im Garten angekommen. Hier raschelt es wirklich anders als sonst, Und er spürt auch diese spitzen Blicke im Rücken ... denn, immer wenn er sich schnell umsieht, ... dann sieht er nichts. Das nächste Mal sollte er sich doch nicht so schnell ins Abenteuer stürzen, denn er hat so überhaupt keine Forscherdinge dabei: kein festes Seil, keinen Tropenhelm, kein Buschmesser, keine Grubenlampe, keinen Klappspaten oder wenigstens so ein Wischwischpinsel für staubige Funde. Ein Forscher kann ganz viel Krimkrams mit sich rumschleppen und das Meiste davon steht schon auf seinem Wunschzettel für den Weihnachtsmann.

 Was ist denn jetzt hier im Dickicht? Der allerweltgrößte Gartenforscher muss sich heute auf seinen Instinkt verlassen, wenn er keine Universal-Entdecker-Ausrüstung hat. Er hat zwar noch nichts gesehen, aber wenn das nächste Mal etwas durch das Grün plumpst, wird er sich noch schneller drehen und dann ...

 ... sieht der kleine Bär endlich zarte lange Hälse die über den Zweigen und Blattspitzen schwanken. Ein leises Trompeten und Schnauben begleitet knirschende Fressgeräusche, wenn zarte grüne Blattspitzen zermahlen werden. Und es knackt und rauscht im Unterholz, während die schwingenden Hälse sich auf den überraschten Bären zu bewegen.

Das sind doch Dinosaurier! Linus ist ganz aufgeregt, er kennt diese Pflanzenfresser genau, die aussehen als hätte man eine lange Schlange mitten durch eine Kugel gesteckt und vier Elefantenfüße dran geschraubt. Das sind 'Sauropoden' und die sind ganz friedlich, wie sie die lange Hälse recken und mit den noch längeren Schwänzen wedeln.

 Die Dinos wedeln offensichtlich so eifrig, dass sie sich dabei mit ihren Schwänzen verheddern. Der Bär muss da erst einmal etwas entwirren. Er sitzt mitten in der Saurierherde und kämpft mit den Schlängel-Schwänzen. Und die anderen Dickhäuter schauen neugierig zu, wie der kleine Petz mit dem Knotengewirr aus Saurierschweifen ringt.

Linus ist glücklich: Er hat jetzt dicke großartige Dinokumpels im Garten. Und die sind schwer in Ordnung, weil er einfach zwischen ihnen sitzen kann. Und ganz schön schwer zu tragen. Wie er die Herde wohl ins Haus bekommt? Anna kann er sicher nicht fragen, denn die findet es immer besser, wenn es drinnen leerer und dafür im Garten voller bleibt.

Bis er weiß, wie er die neuen Freunde an Anna vorbei ins Haus schmuggeln kann, hat sich der kleine Bär mit der Herde auf einen Hochsitz im Farn zurückgezogen. Denn hier sind erst einmal alle sicher. So harmlos die podigen Saurier sind, so gefährlich leben sie auch. Wo es so viele Pflanzenfresser gibt, sind die hungrigen Fleischfresser garantiert nicht weit.

Ganz in der Nähe schnappt scharf ein Kiefer mit spitzen Dolchzähnen im Dickicht. Ein langer Speichelfaden tropft auf den unruhig scharrenden Krallenfuss. Die Raubsaurier haben mit geweiteten Nüstern schon die Fährte aufgenommen ...


Fotos: W.Hein

Kinder lieben die gigantischen Urzeitechsen. Als kleiner Dötz hatte auch ich das 'große Buch der Dinosaurier' und schon ein paar eher plumpe Plastikfiguren, die noch weit vom heutigen Wissen entfernt waren. Als dann Jurassic Park ins Kino kam, konnte man kleine Jungen im Fahrstuhl von Supermärkten fachkundig über Vergleiche von Oviraptoren im Verhältnis zu Velociraptoren philosophieren hören. So war eigentlich klar, dass in Linus ein großer Saurierfan schlummert. Und nachdem meine Mutter mir plötzlich beim letzten Besuch einen nagelneuen Giganotosaurus in die Hand gedrückt hatte, gibt es nun auch endlich eine Dinosammlung für kleine Bären.

Eines der ersten Bücher mit Dinosauriern war 'die verlorene Welt' von Arthur Canon Doyle. Und auch der zweite Jurassic Park Film hieß "The Lost World", Aber Lisa hat mit recht darauf hingewiesen, dass das so nicht richtig ist, denn die Welt wird doch gefunden, sonst würden die Leute doch keine Saurier kennenlernen und nur im Nebel herumfahren und diese Inselwelten suchen. Und Linus findet, dass es sowieso wichtiger ist, 'was' man findet als 'wo' man es findet. Und deshalb hätte es seiner Meinung auch heißen können: "Der weltbeste Alles-Entdecker findet die geheimnisvollen Urzeitechsen."

Lisa und Linus sind immer noch Rica-Bären und 
die Saurier von europäischen und amerikanischen Firmen bekommen wohl alle in China die schicke Tarnfarbe.


Mittwoch, 8. August 2012

endlich winterfest




Morgens ist es meist noch recht frisch im Garten. 
Das ist für Amalia genau der richtige Moment nun 
endlich ihr neues Strickkleid mit Lochmuster-
bordüre passend zum grauen Poncho vorzuführen. 

Heute ist es nur eine One-Bear-Show, obwohl 
doch alle kleinen Bärenmädchen so gern mit 

Foto: S.Schneider


Amalia kam im September 2011 aus dem Hause Valdorf Bears zu uns. 
Da sie nur ein dünnes Sommerkleidchen trug, musste sie den letzten 
Winter im Haus verbringen.


Samstag, 4. August 2012

Weil es mal wieder regnet ...



 ... kramt Lisa das dicke Amrum-Fotoalbum von 2004 hervor und schaut sich mit Kaninchen die Bilder an. Das lockt auch eine Marie herbei. Denn sie ist auch auf den Fotos zu sehen.

 Damals war die kleine Bärin mit Lausebär und Lisa das erste Mal mit auf der Insel. Schnell soll die Schwester weiter blättern, da kommen doch bald die sonnigen Strandbilder ... und schon ist Kaninchen zwischen die Blätter geraten.

 Das Schlappohr hat noch mal Glück. Lisa zieht ihr Kuscheltier schnell zwischen den Seiten hervor, bevor es durch das dicke Fotoalbum zum flachen Presshasen geworden wäre. Dabei wollte Lisa mit Büchern noch nicht einmal Plattblumen machen. Und während die kleine Bärin das Kaninchen eindringlich ermahnt, schauen Marie und Raff Raff schon mal nach, wie es weitergeht.

Die Bären und ein Schlappohr schwelgen in Erinnerungen an den Urlaub, denn das macht man so beim Betrachten von alten Fotos. Obwohl ... eigentlich kann sich Marie gar nicht so genau erinnern, weil sie ja noch so klein war. Was Kaninchen noch von Amrum weiß, ist schwer zu sagen, da es ja nie was sagt und immer nur guckt. Und die Erklärungen von Lisa fangen immer ganz gewichtig an, um dann festzustellen, dass sie vielleicht besser Lausebär fragen sollten. Das nächste Mal fährt Raff Raff wohl besser mit in den Urlaub.

Die vier Kleinen betrachten mit dem dicken Amrum-Fotobuch von 2004 ein Relikt aus der Vorblog-Ära, das eigentlich viel zu schwer ist, um im Internet geteilt zu werden. Deshalb ist es auch nur ein kleiner Einblick, der gerade frisch ins Netz gestellt worden ist.

Fotos: W.Hein


Samstag, 2. Juni 2012

Sie lassen das Mausen nicht



Die Elefantendame hat es im Haus nicht mehr ausgehalten. Bei dem schönen Wetter muss sie einfach wieder ans Licht. Sie sitzt am Teich und sperrt dabei die Ohren weit auf. Aber was soll schon passieren?

"Einen wunderschönen guten Tag, meine Beste." Jule erstarrt, da ist schon wieder diese kleine weiße Maus. Und sie ist diesmal nicht allein. "Äh ... hmm ... hemmällo ..."

Einfach Augen zu und hoffen, dass es vielleicht nur eine Augentäuschung ist. Aber sie kann ihr feines Wispern hören und das helle Lachen. Dazu noch dieses leise Getrippel von ganz kleinen Füßchen. Viele Füße, denn dieser Plagegeist ist nicht mehr allein.

Die kleine, weiße Maus hat ihre Konzertprakrikanten mit in den Garten genommen. Das Sonnenlicht lockt und es ist viel schön zum Flügelrücken oder Harfenschieben. Aber die schreckhafte, graue Rüsseline kennt sie schon, das hat keinen Zweck, mit der vernünftig reden zu wollen. Da können sie lieber im Haus wieder Etüden ermüden äh üben.

Jule hält sich weiter fest die Augen zu, damit der Schrecken vorbeigeht. Nun der läuft gerade kichernd davon und nimmt seine Bande mit.

Nach einer Weile wagt sie wieder die Augen zu öffnen. Kein Trippeln ist mehr hören. Sie sind wieder weg ... zum Glück!


Fotos: W. Hein

Jule ist ein sunshine-teddy und das als Elefantendame. Die Mäuse sind alle schon bei Deb Canham durch die Werkstatt gelaufen.


Montag, 28. Mai 2012

Briefverkehr

Der Abspann ist diesmal das Vorwort:

Im Jahr 2006 hatte BRIO, der schwedische Erfinder der Holz-Schiebe-Eisenbahn wohl das Gefühl, endlich im 21. Jahrhundert ankommen zu müssen. Was würde passieren, wenn Kinder keine Dampfloks mehr aus eigener Anschauung kennen werden? Würden sie dann immer noch als Erstes Lokomotivführer werden wollen? Also wurde bei BRIO mit viel Aufwand und Liebe zum Detail die Networker-Welt entwickelt. Das Innenleben des Computers mit E-Mails, Laserbrenner, Mülleimer, Virensuchprogramm und natürlich auch mit Viren, Pop-Ups und anderen Schädlingen wurde auf die klassische Holzeisenbahn gesetzt. Die Basis ist immer noch Holz, dazu kommen aber jede Menge Soundmodule, Magnete, Diodenlichter und Elektroschnickschnack. Das ganze Abenteuer hat ca. zwei Jahre gedauert, es gab noch einmal neue Viren 1.5, eine Quarantänestation und, wenn die kleinen Networker von der Arbeit jetzt müde waren, konnten sie sich in kleine bunte Kastenhäuser mit Puschelhaustieren zurückziehen. 

Aber es scheitert am Ende doch wohl am Widerspruch zwischen der pädagogisch wertvollen Holzschieberei und dem netzafinen virtuellen Leben der anvisierten Zielgruppe. So werden die Networker-Pakete überall inzwischen nur noch abverkauft und BRIO hat sich neuen Welten zugewandt. Es ist wohl wirklich zu schwierig, neue Figuren in das Kinderzimmer zu bringen, wenn man mit Mickey Maus, Star Wars und den Transformers konkurrieren muss. Dabei sind die Networkers perfekt gearbeitet und bis ins letzte Detail liebevoll mit eigenen Logos, Beschriftungen und Eigenschaften ausgestattet worden. 

Bei der kurzen Laufzeit mussten die Networkers auch nie die nächste Klippe der schnelllebigen Computerwelt nehmen. Wer weiß schon in ein paar Jahren, was ein DVD-Brenner im Computer ist, wenn es schnelle USB-Sticks gibt und die Daten am Besten irgendwo in der Cloud liegen? Dann landet man ja schon wieder beim Dampflok-Problem und das jetzt alle fünf Jahre.

Die kleinen Bären (alles Rica-Bären) interessiert das alles herzlich wenig, weil sie einfach gern bunte Wagen durch den Garten schieben. Und die kleine weiße Maus, die Deb Canham persönlich kennt (oder es ist doch umgekehrt), drückt begeistert auf alle Knöpfe und lässt alles fiepen, fiepen und quäken, was die ganze Technik hergibt.

Doch jetzt geht's endlich los:


Das ist Emo. Emo ist ein Ihmeil-Bote. So ein Ihmeil-Bote ist ein elektrischer Postbote für Briefe mit Stromanschluss.

Marie erklärt Raff-Raff das alles ganz genau. Obwohl ... so ganz klar ist es der kleinen Bärin auch nicht, was so ein Strombrief ist. Denn die Postboten, die zu ihnen ans Haus kommen, sind alle offensichtlich freilaufend und haben auch nie ein Stromkabel mit Stecker dabei. Haben die ein Batteriefach?

Die Postboten da draußen haben Fahrräder oder ganze Autos, doch Ihmeils brauchen Leiterbahnen, um verschickt werden zu können. Also baut Marie für Emo diese Leiterbahn aus Holzschienen im Garten auf. Das ist voll schwierig, weil diese Leiterbahn nirgends unterbrochen sein darf. Sonst gehen die Briefe irgendwo im www verloren, dem wuchernden-wild-wuchs.

Der Briefzug mit zwei Anhängen ist schon aufgegleist, während an der Poststrecke noch eifrig gewerkelt wird. Zum Glück hilft Nelleke beim Bauen und probiert gerade, wie eng die nächste Kurve werden muss, damit der Postversand nicht in Rabatte rauscht. Und dann müssen natürlich noch Abzweige eingebaut werden und auf die Anschlüsse geachtet werden, damit der Postverkehr später flüssig fließen kann.

Endlich kann Emo auf die erste große Probefahrt gehen. Er winkt noch einmal zum Abschied – während Marie prüft, ob die erste Testnachricht auch ordentlich eingesteckt ist. Nelleke hat von der anderen Seite der Betonfläche gewunken, dass auch dort die Strecke geschlossen ist. Emo sollte also nach einer ziemlich schlängeligen Runde wieder hier ankommen können.

RaffRaff wartet schon an der Lesestation. Wenn der Postzug hier Halt macht, kann man das Nachrichtenplättchen in die Vertiefung des blauen Kastens legen und und hört dann Pfeifen, Fiepen, Schrebbeln und ein par Wortfetzen mit Gekicher. Oder etwas ganz anderes. Der kleine Langhals ist schon ganz gespannt. Nur müsste jemand noch RaffRaff sagen, dass sie sich nicht auf die Schienen stellen darf, wenn sie nicht vom rasanten Ihmeil-Versand überrollt werden will.

Nelleke hat Marie beim Leiterbahnnetz gern geholfen, denn sonst hätte der Brennzug auch keinen Schienenweg gehabt. Den roten Punkt-Laisär auf dem großen Wagen in Mitte benutzt sie ganz vorsichtig. Sie will ja nicht die Holzschienen wegbrutzeln. Aber gerade startet sie mit lautem Fauchen den Nachbrenner im Heck, um den Zug auf Sausgeschwindigkeit zu bringen.

Inzwischen ist Lena angekommen und schnappt sich den Müllzug mit der große Wiederverwertungskugel im Heck. Der grüne Zugführer ist gerade in die große Postverteilstelle eingelaufen und fragt, ob es hier etwas zu entsorgen gibt. Aber hier ist die Post noch frisch. Sie muss erst zugestellt werden, bevor sie ungelesen in den Papierkorb kommt.

Der Postzug saust gerade über die Gitterbrücke. Die ist so kurz, dass sie beim Aluteich nichts gerissen hätte. Jetzt liegt sie zwar platt auf dem Boden, aber die Gitterbögen sorgen dafür, dass die üppige Pflanze in der Steinfuge nicht die Strecke überwuchern kann.

An den Versandfächern an der Strecke können sie die Nachrichten tauschen, denn der Zug hat nur zwei Steckplätze. Doch so wissen sie im Moment nicht mehr, wo die Test-Meil geblieben ist. Sie ist im Leiterbahn-Netz verschluckt worden. Das passiert diesen Nachrichten wohl häufiger.

Lena ist nun beim großen Papierkorb angekommen. Der heißt inzwischen Resseickling-Punkt, weil das vornehmer klingt. Lena interessiert sich sonst nicht so sehr für Müll, aber dieser grüne Punkt mit seiner samtigen Oberfläche hat sie sofort an Gras erinnert und wenn sie oben auf das kleine Männchen drückt, hört sie aus der Kugel Bienensummen und Vogelgezwitscher.

Bei dieser Lesestation ist Marie schnell durchgefahren – ohne anzuhalten. Denn hier haben sich Störenfriede eingenistet.

Drei Viren tanzen um den Briefkasten herum. Wahrscheinlich wollen sie die Nachrichten ganz schaurig falsch klingen lassen. Oder sie schmuggeln ganz schreckliche Meils rein. Vielleicht hängen sie sich an die elektrischen Briefe auch nur dran, damit sie an andere Netzpunkte gelangen können, ohne sich die Füße wund zu laufen. Laufen? Können Viren laufen?

Die kleine Giraffe muss jetzt genau aufpassen: "Schnell RaffRaff, du musst der weißen Maus Bescheid sagen. Sie muss dort aufräumen, bevor die Viren noch weitere Stationen befallen." Und schon ist der kleine Langhals losgestürmt.

Maries Frotteetier sucht den Sicherheitschef im Netz. Die kleine weiße Maus ist immer auf Patrullje, hält die Knopfaugen offen und ist sofort zur Stelle um Schädlinge unschädlich zu machen.

Das Schaf kümmert sich um eine andere Art der Netzreinigung: Jedes Mal wenn der Müllzug durch den grünen Ball fährt gibt es Reiß-, Ratsch- und Rülpsgeräusche. Dann drückt Lena schnell auf den kleinen grünen Mann auf der Kugelspitze, bis wieder Bienensummen und Vogelgezwitscher aus dem Mülleimer tönt. Es gibt ja auch Duftspray und Klosteine für das WC. Das ist jetzt Ohrhügenie.

Larissa fährt mit dem kleinen Brenner über die große Brücke. Lena könnte einfach drunter wegsausen, wartet aber lieber. Ihr grüner Ökoblitz soll ja nicht von Larissas Schuhen von den Schienen gefegt werden.

Da saust der Brennzug von Nelleke heran. Sie ist auf dem schnellsten Weg zur großen Brennstation für Silberscheiben und hat keine Zeit, dabei auch noch auf diese drömeligen Postzüge zu achten.

Es ist jedes Mal dasselbe. Immer ist Marie im Weg und Nelleke muss stoppen. "Du hättest dahinten den Abzweig nehmen müssen," mault die Mützenbärin. "Dann kommen diese Imeils doch nie an," schnappt darauf Marie. "Dann kriegt sie halt jemand anders. Das ist doch egal!" Aber Rot hat immer Vorfahrt, das ist doch klar! "So funsioniert die Post nicht," brummelt die Briefzugführerin. Und Nelleke will nicht nachgeben: "Tut sie woll!"

"Die Klügere gibt nach," also schiebt Marie den Rückwärtsgang rein. Sie wird schon einen Weg finden. "Heh, das gilt nicht: Vorfahrt hat nix mit Klug-sein zu tun," muffelt die ungeduldige Feuersbraut: "Klüger werden die Nachgeber nur, weil sie mehr Umwege kennen."

RaffRaff hat sich bei dem ganzen Geschiebe rausgehalten und guckt sich in der Zeit lieber Fugenklee an. Wenn sie kein weiches Frotteemaul hätte und im Bauch nur Watte, würde sie vielleicht ein Blatt probieren.

Larissa hat mit dem kleinen roten Blitz schon die Brennstation passiert und die große Diode blinkt noch ein paarmal auf, um die Durchfahrt zu melden.

Marie hat wirklich einen weiten Umweg genommen und fährt fast am anderen Ende des Streckennetzes lang. So ist es kein Wunder, dass manche Imeils sofort da sind und andere gefühlte Stunden brauchen, um endlich am Zielbriefkasten anzukommen.

Die kleine Maus kontrolliert den zweiten Brenner. Sie ist gern Oberpolizist im Streckennetz, denn ihr Dienstfahrzeug hat einen Elektromotor und zuckelt unentwegt seine Runden. Nachdem der kleine Virenalarm am Postfach beseitigt ist, ist alles ruhig, so dass die kleine Maus während der Fahrt ein wenig zu dösen beginnt und fast ihre Weiche verpasst hätte.

Geschafft! Emo hat seine Nachrichten endlich doch noch abliefern können. Sie werden gerade noch vom Sicherheitsmann am Empfang geprüft. Dann kann Marie wieder abschieben und gucken, wo denn diese verflixte Testmail von heute morgen geblieben ist.

Hihi! Mit einer Maske unkenntlich gemacht, startet Linus als der weltgrößte Unbekannte den großen Virenangriff auf das Netz. Diese nette Mädchengetue hält doch auf Dauer keiner aus. Es wird endlich Zeit, dass Viro und seine Spießgesellen diese lahme Nachrichtenschubserei mal aufmischen. Die geländegängigen Virenmutterschiffe setzen sich über die Gleise und die kleinen Schädlinge gickern voller Vorfreude auf die nächste Beute.

Schon haben die Viren den ersten Postzug gekapert und beginnen eifrig Spämms und Trojaner und andere linke Dinge aufzuladen.



Fotos: W.Hein