Sonntag, 23. Juni 2013

Blub



 Langsam taucht der Fisch hinter dem weißen Blütenmeer der Strauchrose auf. Er steigt mit sanften Flossenschlägen immer höher ... bevor er schnell schwänzelnd wieder flink ins Versteck abtaucht.

 Dann dreht er mutiger eine große Runde im windstillen Garten. Die Sonne gleißt und glitzert dabei auf den bunten Schuppen seiner straff gespannten Haut.

Der Luftschwimmer gleitet hoch über dem Steg und dem hohen Gras der Wildwuchswiese. Mit kraftvollen Schlägen der Schwanzflosse nimmt er Fahrt auf und steuert dann direkt auf die dunkle Öffnung in der dichten, grünen Wand aus Bäumen, Sträuchern und Büschen zu.

 Wenig später ist der farbige Flossenflieger im Wald verschwunden und schlängelt sich nun ganz leicht und schwerelos zwischen den Stämmen hindurch.

 Der Riesenkorallenfisch schwebt so lautlos durchs lichte Gehölz, dass Lisa, die auf dem Waldweg zur Betonfläche läuft, ihn zunächst nicht einmal bemerkt. Auch ein Kaninchen in der Rocktasche passt lieber auf, dass die eilige Bärin nicht über eine fiese Baumwurzel stolpert.

Mit ein, zwei leichten Schwanzbewegungen ändert der stille Segler die Richtung und gleitet mit einer sanften Kehre wieder zurück.

 Bei seiner zweiten Runde bemerkt eine Bärin endlich, dass dort noch jemand ... wie sie ... ganz in Orange gartenfein angezogen ist.

 "Das ist ein Klaunfisch zum Frühstück," zeigt Lisa ihrem Kuscheltier den neuen Gartenbesucher. Sie hat mit den großen Jungs einen ganzen Film über verloren gegangene Fische gesehen und kennt sich auch unter Wasser aus. Und jetzt eben auch über Wasser.

 "Hast Du's gesehen? Hast Du's gesehen?" Aufgeregt zeigen Marie und Lena nach oben, als sie heranstürmen. "Klar doch, das ist der bunte Scherzfisch, der sich hier zwischen den Bäumen vor den großen Luftangelhaken in den Wolkenmeeren versteckt." Die anderen Mädchen sind schwer beeindruckt, was Lisa alles weiß.

Lisa hat sich den Fisch jetzt schon lange angesehen und weiß genau Bescheid. "Es wird wohl Regen geben," erklärt sie Marie und Lena. "Der Fisch fliegt tief."

 "Der fliegt aber auch höher," kräht Marie als der Flugflossler langsam wieder hoch steigt. Dann neigt er sich heftig, als sich die Schwanzflosse in den tiefhängenden Blätter verfangen hat. Der ganze Fisch schüttelt sich, beim Versuch endlich frei zu schwimmen. Und dann stößt die Fischnase sanft an den nächsten Stamm ... bevor sie zurückprallt. "Ich glaube, der hat sich verflogen. So ein großer Fisch ist doch gar kein echter Waldflieger."

 Währenddessen kämpft Anna im Verborgenem mit einer fummeligen Fernbedienung. Mit einer Tastenwippe kann sie die Heckflosse für ein schnelles Gleiten und weite Kurven nach rechts und links schlagen lassen. Und mit der anderen Tastenkombination steigt der Fisch hoch oder senkt die Nase, um herab zu stoßen. Doch jetzt stehen hier die Bäume so dicht, dass der Fisch ständig irgendwo hängen bleibt. Sie steuert inzwischen mit der Zungenspitze mit und stöhnt ein wenig, wenn die Flossen wieder im Geäst hängen bleiben. Sie hatte sich die heimliche Lenkung der großen Fischwanderung nicht so schwierig vorgestellt.

 Plötzlich tippt Marie der großen Bärin auf die Schulter, die erschrocken herumfährt. Sie hat gar nicht gemerkt, dass die kleinen Mädchen so dicht heran gekommen sind. "Weißt Du, wieso hier ein Fisch rumfliegt?"

" Ich? Nöh, äh, neh ... also wirklich nicht." Hastig lässt Anna die Fernbedienung hinterm Rücken verschwinden. Raff Raff guckt zwar interessiert, was die große Bärin dort versteckt. Aber zum Glück sagen die Kuscheltiere der Bärenmädchen ja nie etwas. So muss Anna den neugierigen Petzelinen nicht auf die Schnauze binden, was so einen Gartenfisch antreibt. Sie zeigt stattdessen nach oben: "Oh seht mal, er verlässt gerade wieder den Wald."

 Dann haben die Mädchen natürlich auch keine Zeit mehr. Sie müssen dem großen Flossenflieger nach hinten in den Garten folgen. Aufgeregt sehen sie zu, wie er einen eleganten Bogen um den letzten Nadelbaum fliegt.

Inzwischen haben Linus und der Samtosaurus entdeckt, dass es noch ganz andere fliegende Fische gibt. Auf einem Karton segelt ein grimmiger Riesenhai umher, mit dem sicher nicht zu spaßen ist.

 Der soll nur kommen. Sie sind doch keine Haihappen! Die Jungs zücken ihre Laserschwerter. Die werden sie puffzapp diesem Monsterfresser in den weißen Bauch pieksen, wenn er sich in den Garten trauen sollte. Dann macht der sicher sofort schlapp, wenn ihn solche Helden treffen.

 Der rote Witzigfisch ist noch gut bei Puste. Gerade saust er am Aluteich wieder steil nach oben, nachdem er das grüne Wasser untersucht hat. Dieser Teich ist schon voll, da passt kein Zusatz-Fisch mehr rein.

Doch wozu braucht ein Luftfisch auch Wasser? Er hat doch oben viel mehr Platz als in dem kleinen Metallplanschbecken. So nutzt der Korallenflieger die Freiheit und dreht ein paar Runden in luftiger Höhe.

 Die Kreise über der Betonfläche werden immer weiter. Der orange-weiß gestreifte Luftling erkundet den Stand der Apfelernte (... noch lange hin) und saust rasant über den überreich blühenden, weißen Pfeifenstrauch, auf dass die Blütenrispen die kecken Flossenspitzen kitzeln. Inzwischen macht sich Wind auf.

Winke! Winke! Die Mädchen winken eifrig dem roten Fisch hinterher, den es nun mit kräftigen Schwanzschlägen aus dem Garten treibt.

 Etwas entfernt steht Anna und hat überhaupt keine Zeit zum Winken. Sie kehrt den Mädchen den Rücken zu und bearbeitet irgendetwas immer heftiger vor ihrem Bauch. Dabei behält sie den tänzelnden Fisch die ganze Zeit im Auge und flucht nur immer wieder leise: "Komm jetzt endlich, du elender Windwicht!" oder: "Wenn ich dich noch mal erwische, mache ich einen Plattfisch aus dir, du treulose Luftnummer!"

"Winke? Winke? Das heißt bei Fischen sicher Blub! Blub!" Lisa erklärt Marie noch den richtigen Fischabschied. Wenn der Flugflossler jetzt in die Welt raus schwimmt, können die Mädchen auch wieder ins Haus zurück. Nur die große Schwester hat noch keine Zeit und murmelt etwas von niemanden verlorengeben und heftigen Ruderbewegungen...

 Anna müht sich weiter mit der Fernbedienung. Doch dieser Clown ist nicht mehr zu bändigen. Er hüpft über Äste und schlängelt sich durch die Zweige. So viel und oft sie auch auf die blauen Lenktasten des Kontrollkästchens drückt, zur Umkehr und gar zur sanften Landung lässt sich der prallgefüllte Luftikus nicht bewegen.

Ein Windbö erfasst den fliegenden Flossenwedler und trägt ihn geschwind über die letzten hohen Büsche. Der Fisch ist auf und davon.


Idee: SchneiderHein   Fotos: W.Hein

Der bunte Gartenbesucher ist ein Air Swimmer, ein ferngelenkter Fisch, der mit sanften Schwanzflossenbewegungen durch die Räume fliegen kann. Es gibt ihn in den Ausstattungen "Findet Nemo" oder "Weißer Hai". Der asiatische Hersteller hat wohl versucht, bei den Verpackungen Geld zu sparen, so dass auch der Hai als "Flying Clownfish" gezeigt wird. So gesehen, ist hier mal wieder für das schöne Bild vom bunten Helium-Fisch im grünen Garten arg geschummelt worden. Ohne Sicherungsseil hätte der erste Windstoß den Fisch schon sofort davongetragen. Mit dem Ruderschwanz kommt Nemos Vetter nicht einmal gegen ein laues Lüftchen an. Er ist wirklich nur ein Indoor-Segler. Doch das kümmert keines der kleinen Bärenmädchen, die mit offenem Mund den prächtigen Gartenfisch bestaunt haben. Lisa und Marie sind Rica Bären und das Schaf Lena kommt etwas herkunftslos aus dem Rosenfachhandel. Linus ist als Rica Bär auch aus Detmold und Delwyn im Saurier-Kostüm ist ein Hampton Bear aus dem fernen Australien. Anna hat diesmal nicht alles unter Kontrolle und ist vor einigen Jahren von Kathleen Wallace in Amerika auf die Reise geschickt worden, um über die Bärenhöhle Hannover bei uns zu landen.


Kommentare:

Nicola Hinz hat gesagt…

Ach, sind das schöne und poetische Bilder - ein fliegender Clown Fish! Wobei so ein Hai am Himmel auch etwas hätte! ; )
LG
Nicola

heinwerken hat gesagt…

Einen Haihimmel hätten einige Bären sicher auch gern gesehen, aber die kleinen und großen Jungs haben sich dann von den Mädels überzeugen lassen, dass Orange einen viel schöneren Kontrast im Grün ergibt. Und ein großer Clownfisch ist ja auch schon beeindruckend, wie er außerhalb der Laserschwerterreichweite umhersegelt

LG Wolfgang (und Silke)