Freitag, 2. Dezember 2016

Tropfenfänger



Da kreuzen sich zwei spitze Nasen im Garten.

Die Rote ist nur eine Falschnase, die sich SnowWhite rechtzeitig für die kalten Tage aufgezogen hat. Dabei weiß er selber nicht, ob sie wirklich vor einem Schnupfen schützt oder ob einfach nur Tradition ist.

So hat das Langohr gehofft, dass die andere Spitznase wüsste, ob er jetzt besser ein Schnuffeltuch einpacken sollte. Wobei … wenn er gerade jetzt niesen müsste, wäre der Aufsatzzinken schon im Weg. "Aber das ist ja ein blöder Plastikvogel!" Das weiße Hase ist enttäuscht. "Der schwarze Zinken ist nur ein gewöhnlicher Krummschnabel, an dem jetzt immer die Tropfen hängen."

Na und? Dante versteht nicht, was den weißen Hasen so aufregt. Für ihn ist der schwarze Vogel einfach eine tolle Aussichtshilfe, die er besteigen kann.

Er kann jetzt weiter gucken als SnowWhite. Er überragt sogar den Blecheimer um Haupteslänge. Und weil der Vogel aus Plastik ist, hat er sich noch nicht einmal gewehrt, als der kleine Hase beim Raufklettern ordentlich strampeln musste.

So wundert er sich, warum der Schneehase so enttäuscht ist. Es ist desen erstes volles Jahr mit allen Jahreszeiten hier im Garten. Und da ist SnowWhite sich nie sicher, ob er immer richtig gekleidet ist. Manche halten ihn immer noch für einen Ganzjahres-Schneemann-Ersatz, der im Sommer doch eigentlich dahinschmelzen müsste. Er hat in der Zeit ja auch geschwitzt. Aber seit einen Monat wird es doch empfindlich feucht und kalt. Und da muss hase aufpassen, was diese wässrigen Attentäter auf sein Wohlbefinden anrichten können, die auch heute wieder am klammen Fell runterperlen.

"Hier fange ich mir nur einen eigenen Tropfen an der Nase ein." Und auch wenn es ein roter Falschzinken ist … wer weiß, ob daraus nicht ein echter Schnupfen wird. Das eigene feine Hasennäschen könnte ja gleich mitmachen. Es wird schon einen guten Grund haben, dass die flachen Schnuppernasen keinen Regen einfangen wollen.

"Was ist jetzt?" SnowWhite ist immer wieder erstaunt, wie trödelig der kleine Schwarzhase ist. "Willst du nun noch mit?"

"Wart',"hastig klettert Dante vom schwarzen Vogel. "ich komme!" So allein mag der Zipfelhase auch nicht im Garten sitzen bleiben. Wer weiß, wann der Nächste hier vorbei kommt. Und ob es dann ein aufregendes Abenteuer gibt, ist noch lange nicht in Sicht. Außerdem sind Alleinabenteuer nur halb so lustig wie zu zweit.

"Lass uns schnell reingehen, ich fühle schon ein Kribbeln in der Nase hochsteigen" Weiße Hasen sollten wirklich auf den ersten Schnee warten, bevor sie ihre Fähigkeiten zum hingebungsvollen Kränkeln voll entfalten können. "Schnief, der Hals kratzt auch schon etwas." "Du solltest einen heißen Kräutertee trinken," schlägt Dante vor. "Oh ja, und vielleicht einen Wadenwickel."

Zurück bleibt ein schwarzer Rabe, an dessen weit vorgestrecktem Schnabel sanft im Wind die Tropfen auf und ab wippen, bis sie runter fallen.


Fotos W.Hein

Eigentlich hätte der Post schon vor zwei Wochen erscheinen können. Denn da ist mein Elternhaus in Osnabrück endlich geräumt und abgegeben worden. Nachdem meine Mutter vor über zwei Jahren im Mai 2014 verstorben war, war ich lange Zeit unschlüssig und hilflos, wie ich mit dem ganzen Erbe verfahren sollte. Sie hatte ihr reich bestücktes Heim relativ überraschend verlassen müssen. Danach schien es mir unmöglich, diese Menge an Lebenszeichen gut unterzubringen. Zuvor hatte sie mir längst schon die Fähigkeit – und bisweilen den Fluch – vererbt, selbst viele Dinge über die Jahre zusammen zu tragen und diese in großen Sammlungen zu horten.

Jetzt war da plötzlich noch viel mehr, das meine Aufmerksamkeit benötigte und mich zunächst überforderte. So sah das Heim meiner Mutter noch lange nach ihren Tod so aus, als wäre sie gerade vor ein paar Stunden aus der Tür gegangen. In diesem Sommer nahm das Thema 'endgültiger Abschied' endlich Fahrt auf und Silke und ich begannen zu räumen und zu verteilen. Wenige Dinge zogen nach Hannover um, merkwürdigerweise viele Dekoteile, die wir meiner Mutter im Laufe der Jahre geschenkt hatten. Dazu noch einige persönliche Erinnerungsstücke, die aber nicht immer wirklich wertvoll sind. Die "eigentlichen Werte" haben wir noch versucht, kurzfristig umzuverteilen und manchmal kamen wir uns dabei wie ein Terrorkomando vor, wenn es mal wieder schwierig war, begeisterte Abnehmer zu finden. 'Wert' ist dann immer sehr relativ. Für uns sind es dagegen oft die banalen Dinge, die 'schwingen' und die Erinnerung tragen. 


Ein Raben-Suchbild aus diesem Sommer

So steckte dieser schwarze Plastikrabe viele Jahre auf einem halbhohen Spieß im Hochbeet meiner Mutter direkt an der Terrasse. Ob er dabei je einen echten Vogel erschreckt hat, wage ich zu bezweifeln. Aber er begrüßte mich bei jedem Besuch, wenn ich vom Wohnzimmer das erste Mal in den Garten blickte. In Osnabrück regnet es häufig, so hingen schon damals bei jedem Schauer die Tropfen am Schnabel. Nachdem das Haus Mitte November endlich geräumt war, und die Schlüssel an die neuen Besitzer übergeben werden konnten, bin ich noch einmal durch die leeren Räume gewandert. Meine Mutter war jetzt endlich ausgezogen. Und ihr Tropfenfänger begleitete uns in den Wildwuchs-Garten.


Kommentare:

Claudia hat gesagt…

Ihr Lieben, die Geschichte mit dem Tropfenfänger-raben ist allerliebst, ihc habe sie wieder mit sehr großer Freude gelesen! Vielen Dank dafür!
Die Geschichte mit dem Haus, ich kann das sehr gut verstehen, auch, wenn meine Mama noch lebt und ich für jeden Tag dankbar bin, ( sie wird im März 85 ), mache ich mir mit zunehmdendem Alter immer merh Gedanken darüber, was dann werden wird ...aber, es bringt ncihts, sich vorab zuviele Gednaken zu machen, denn meist kommt es eh anders, als man denkt. Ihr habt das gut gelöst , auch wenn es gedauert hat, nun kann in die Seele ein bischen Ruhe einkehren ....
Habt einen schönen Tag und ein gemütliches 2.Adventswochenende!
♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

heinwerken hat gesagt…

@ Claudia,
ich hoffe, wir haben es mit der Hausauflösung gut gemacht, denn eine zweite Chance haben wir nicht. Einige wilde Träume um das Erbe und das Ausräumen gab es in der Zeit schon und manchmal ertappe ich mich noch heute bei kuriosen Gedanken an meine Mutter. Aber es ist nicht so extrem, wie früher einige Alpträume von Silke, in denen die früheren Hausbesitzer hier in Hannover vor ihrer Bettkante standen und von ihr das längst verteilte Inventar zurückhaben wollten. Es gibt wohl keine perfekte Lösung. Aber dennoch ist es im Moment eine große Erleichterung, die Aufgabe bewältigt zu haben. Vielen Dank für die lieben Worte und viel Glück und eine gute Zeit mit Deiner Mutter. Es macht wirklich nicht viel Sinn, zu viel im Voraus planen zu wollen.

LG Wolfgang