Mittwoch, 11. Mai 2016

Die Frühlingsfänger



"Da-pfäält-noch-eunö-Nadöl," nuschelt Maylin.

"Oder eine Klammer", drängelt sich Alisa nach vorn. Heute nehmen die beiden Petzelinen ihren Assistentinnenjob voll ernst.

Dafür hat Antonetta jetzt eine Rückenlinie wie ein Stegosaurus oder ein Feuerfisch. Dicht an dicht staken die Klemmen in die Luft. Denn in das 'Frühlingskleid', das die Rättin heute umbedingt tragen will, hätten auch zwei Kowagörlies gepasst. Es ist entweder für eine schwergewichtigte Brummelbär-Frühlingsbotin geschneidert worden oder für siamesische Elfenzwillinge. Die hätten aber sicher gern mehr Armlöcher oder einen Doppelkragen gehabt.

So oder so, wenn die eifrigen Helferlinen diese überbordenden Stoffmengen nicht ganz eng wegklammern würden, könnte die Rättin keinen Schritt machen – ohne über den eigenen Rocksaum zu stolpern.

Jetzt zuppelt Helen noch ein letztes Mal nach und schickt dann das Kalendergörl endlich in den Waldmeister. Sie muss beim sich-in-Pose werfen immer so ins Bild drehen, dass niemand die ganzen Klammern sieht. Denn ein Frühling mit viel Klammertechnik will sicher niemand sehen.

Conroy wird schon ungeduldig. Wenn die Mädchen ewig an dem Kowagörl herumnesteln, ist irgendwann das Licht weg. Überhaupt ist das wieder so ein Mädchenmotiv – mit Plüsch und Plü-Rosen. Oder eben mit Waldmeister. Dabei hätte der Junge lieber etwas mit Fallschirm oder wenigstens Moped gehabt.

Jetzt dreht sich die Rättin doch nur wieder juchzend im grünen Glanzkleid und jubelt dabei: "Hasch mich! Ja hasch mich! … ich bin doch der Frühling!"

"Das versuche ich doch," ruft der entnervte Fotograf. "Doch so viel ich auch haschen will, wenn du dabei so rumhampelst, hüpft du mir immer aus dem Bild."

"Dann musst du schneller sein!" Antonetta lässt sich heute nicht stoppen. Sie fühlt das Erwachen des Frühlings in jeder Faser ihres Körpers … das muss raus. Sie will frei sein und springen und sich drehen, laufen und sich drehen, wieder springen und … "So fang mich, fang mich ein!"

"Ich war noch nie so viel Jahreszeit wie heute," glücklich streift die Rättin sich über den Blütenschmuck … schon ein wenig außer Atem.

"Und ich habe noch nie so wenig Jahreszeit einfangen können," stöhnt Conroy, der diesem Frühlingserwachen machtlos zusehen muss.

"Los doch Conroy, das ist deine Chance," Antonetta reißt begeistert die Pfoten nach oben: "Ich halte auch still … nein doch nicht!" Schon tänzelt sie wieder davon: "Ich kann heute einfach nicht ruhig bleiben. Hach, zu viel Gefühl!"

"Ich hab noch nichts auf den Bildern." Conroy ist verzweifelt. "Nur ein paar Fetzen mit grünem Stoff, einen unscharfen Arm oder diesen stacheligen Metallkamm auf ihrem Rücken." Er zeigt Helen die ersten Bilder. "Dieser Frühling saust nur durch die Wackelmotive."

"Wir müssen das ruhiger angehen." Maylin hat eine Idee: "Antonetta, wir sind im Mai haben doch fast schon Sommer. Also bist du doch schon ein ziemlich alter Frühling. Einer der sich eher durchs Gebüsch schleppt und nicht so jung und wild umherspringt."

"Ich bin also reif und habe schon Klasse?" Antonetta versucht zu verstehen, was Maylin von ihr will: "Soll ich zum Blühen alle verführen? So ganz verdorben mit elegantem Armauflegen?" Die Petzeline legt den Kopf schief und blinzelt mit den Augen. Wie soll sie es nur sagen? Affig? Total gekünstelt? Total bescheuert? "Es ist vielleicht noch etwas zu viel, meine Liebe. Das überfordert deine Fans."

"Hach, die werden mich verstehen," Antonetta nickt Conroy zu – er soll seine Kamera endlich klicken lassen. "Und wenn ich noch nicht verstanden werde, kann ich es nicht ändern … so bin ich halt." Sie legt noch mal viel Gefühl in die Pose. "Irgendwann wird meine Zeit kommen. So ein Kalender ist ja eigentlich etwas für künftige Generationen."

Künftige Generationen? Da kann Conroy nur den Kopf schütteln. Ein Kalender hält doch gerade mal ein Jahr. Und wer kennt schon noch das Motiv vom Vormonat? Das war doch dieses … äh … also … etwas mit Grün … oder was Buntes … oder … Eben! Niemand!

So wird das nichts. Sie müssen etwas Neues probieren, um diesen Frühling einzufangen. "Vielleicht mit Netzen?" schlägt Helen vor. "Netze?" stöhnt Conroy. "Ich habe jetzt schon lauter Klammern und Nadeln im Bild."

"Du musst da noch mal ran. Der Spätfrühling hüpft so, dass ich immer so eure Steckhilfen im Bild habe," winkt Conroy die Petzelinen heran. "Ich dachte, das machst Du später mit dem Komputer weg," Alisa weiß doch auch nicht, wie der Fotograf die sich ständig drehende Rättin bändigen soll oder wohin man dann noch all die Klammern verstecken könnte.

Die Bärin steckt noch einmal etwas halbherzig die oberen Kleiderklemmen um. So viel besser wird es nicht, sonst verrutscht das Dekullertäh oder wie so ein schöner Ausschnitt heißt. "Wie wäre es denn mit einer Nebelmaschine? Dann könnte der Frühling dem Dunst entsteigen und niemand würde all die Klammern sehen?"

Endlich steht die Rättin so, dass bär nur ganz wenig Klammer sieht. Dafür glitzert der Stoff schön im Licht und auch der Kopfputz sieht diesmal eher blumig aus. Und nicht wie der mottige Federkranz von so einem alten Indianerhäuptling.

"So bleiben – und keine Faxen." Conroy macht sofort ein Foto. Und noch eins. Und zur Sicherheit … drückt er noch zweimal ab: "Das sieht doch gut aus!"

Da kann das Kowagörl noch so eifrg posieren und neckisch die Arme ans Ohr legen, für den Bären ist das Schuhtink erledigt. Er hat sein Bild im Kasten.

"Wir haben's", ruft Conroy. Da sollte jetzt das passende Hascherl dabei sein. Und beim nächsten Mal gibt's hoffentlich mehr Äkschn. Schon haben die drei Assistentinnen ruckzuck ihre Nadeln und Klammern wieder eingepackt, damit sie lachend zum Haus laufen können. Das Herumstehen im Waldmeister – die ganze lange Zeit – macht soo durstig. Vielleicht hat Anna ja eine Waldmeisterbrause für sie. Und dazu ein gritzegrünes Waldmeisterweingummi … oder Götterspeise, ne Wackelpudding, das ist doch dasselbe, mit Waldmeistergeschmack. Mmh! Lecker! Los schnell, die Letzte wird keine Waldmeisterin, sondern nur noch ein Waldlehrling. 


Idee: SchneiderHein    Kostüm: Build-a-Bear    Fotos: Conroy und W.Hein

Das ehrgeizige Kowagörl ist eine Rättin von Marjan Balke (Tonni-Bears). Das restliche Foto-Team mit den eifrigen Absteckerinnen sind Rica-Bären*innen. Und die beiden Füchse kommen von Teddyana (ein Schwesternteam zwischen Paris und St. Petersburg).


Zurück bleibt eine abgekämpfte Rättin im rutschenden Frühlingsflor. So ganz ohne Haltehilfen hängt zu viel Stoff um die schlanke Nagerin. Jetzt kann sie nur noch die Röcke raffen oder nackig gehen. Wenn sie noch etwas von der Waldmeisterbrause abbekommen will.


1 Kommentar:

Claudia hat gesagt…

Ein echtes DREAM-TEAM :O)
....danke für diese wieder wundervolle Bildergeschichte!
Ich wünsche Dir einen guten Start in eine schöne neue Woche!
♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥