Sonntag, 27. Dezember 2015

Diebische Schatten



Das ist gerade überhaupt keine besinnliche Zeit. Hastig zuckt der Langhals immer wieder in Richtung Haus. Gerome ist beunruhigt. Sie hätten vielleicht nicht alle süsssauren Monstergummis auf einmal mopsen sollen … und jetzt rechnet er jede Sekunde damit, dass sie auffliegen.

Sie haben Glück, dass es nur Frau Fuchs ist, die mit fliegendem Rocksaum vorbei hastet. Sie hat nie Zeit für kleine Bären und stellt erst recht keine Fragen. Denn wenn sie erst ein Gespräch zulässt, haben kleine Bären noch viel mehr Fragen. Fragen, die eine arme Dame im Schafspelz nur ins Schleudern bringen.

Doch manchmal wünscht sie sich, eine echte Schlaufüchsin zu sein. Dann würde sie jetzt ganz locker rüber schlendern und die beiden Tunichgute fragen, warum dort ein Rieseneimer gruseliges Weingummi zwischen ihnen steht? In der Weihnachtszeit sollte es doch Lebkuchen, Dominosteine und Zimtsterne satt geben.

Das ist genau das Problem von Conroy und Gerome. Nach all den Tagen können sie den Süßkram nicht mehr sehen und erst recht nicht schmecken. Da konnte Conroy sein Glück nicht fassen, dass er beim Stöbern nach vergessenen Weihnachtsgeschenken in einem Schrank den geheimen Vorrat Monstergummis entdeckte, den Anna dort nach Hallowien eingelagert hatte. Und jetzt hauen sie sich den Bauch mit quietschsauren Gummischreckern voll, bis sie nicht mehr "papp" sagen können, so satt werden sie sein.

Und das beschäftigt die eifrigen Schlickermonstervertilger so sehr, sie bemerken noch nicht einmal, dass sie dabei die ganze Zeit beobachtet werden.

"Schnell gib mir noch einen," ruft Gerome, kaum dass er ein grünes Glubschauge hastig verschlungen hat. Dabei achtet er auf jedes Geräusch und behält den Steg dabei stets im Auge. Dieser Eimer scheint sich immer wieder nachzufüllen, denn bis jetzt ist der Monsterspiegel noch nicht gesunken.

"Willst Du einen blauen Antennenwackler oder ein weißes Spitzohr?" Wie kann Conroy nur fragen? "Gib schon her, egal was!" Die müssen weg, schnell weg, alle weg. Hektisch greift der Giraffenbulle zum Blauen. Ins Haus können sie die Leckerschrecker sicher nicht mehr ungesehen zurück bringen. Und irgendwann wird es stockfinster werden. Wenn die beiden Leckermäuler dann nicht den Eimer leergefuttert haben, was sollen sie dann machen? Die Monsterreste im Garten verbuddeln?

Mit großem Interesse beobachten Hah und Pee das eifrige Gefuttere am Boden. Das neue Revier ist schön schattig und überall hat es Geäst, Gestrüpp, hohe Bäume und all das Zeug, das Flattertiere wirklich lieben. Die Nächte sind auch noch nicht zu kalt, aber die leckeren Früchte sind wohl schon abgeerntet und die roten Beeren sind fest und bitter. 

Ein dunkler Schatten saust plötzlich mitten durch die beiden Monsterfressern. Die erstarren vor Schreck, als der Windhauch durchs Fell streicht. Dann ist es Zeit, sich furchtbar zu verjagen.

Sie wissen zwar nicht, was da gerade durchgezischt ist, aber sie sehen genau, dass es dabei ein rotes Monster gegriffen hat und jetzt abhaut.

Schon segelt ein zweiter Schatten hinter ihnen vorbei, als sie noch vom ersten Schatten abgelenkt sind. Und der rafft auch ein gelbes Gruselgummi dahin. Das sind ja so unverschämte Schatten – diese Mundräuber müssen hier neu sein.

Das war doch flederleicht, diese leckere, bunte Beute abzugreifen. Der Flattermann Pee kann sein Glück nicht fassen. Da ist noch ein Riesenbottich mit bunten Früchten und diese beiden Nichtflieger, haben offensichtlich keine Ahnung, wie sie da einen Deckel drauf kriegen.

Noch ein paar Bissen und dann startet Pee den nächsten Anflug zum Früchtepott. Diesmal versucht er mit einem Anflug gleich zwei Gummifrüchte zu greifen.

Flederfrau Hah soll sich mit ihrer roten Beute mal beeilen und hier nicht nur locker abhängen. Denn zu zweit umflattern sie diese trägen Landtiere, bis sie schwindelig werden und dann wird dieses schnelle Fledermausen so einfach wie das Bis-drei-zählen in der Luft. "Eins – Zwei – Drei!" (Schwierig wird es erst beim Ziehen der Wurzeln aus Zweitausendsiebenhundertdreiundfuffich.)

Es dämmert schon, da verteidigen Conroy und Gerome ihre Schlickervorräte immer noch gegen diese diebischen Schatten. Denn für die haben sie die Monstergummis ganz sicher nicht sichergestellt. Aber fast lautlos stürzen sich diese Flugräuber im Sturzflug immer wieder auf den Plastikeimer. Denen gönnen die beiden Jungen nichts – ach was, sogar nullkommanix – aber bis jetzt fehlt jedem Anflug ein weiterer Gummiunhold. Und bis jetzt hilft dagegen weder lautes Schreien noch saftiges Fluchen.


Fotos: W.Hein

Die beiden Flederflieger Hah und Pee hingen bis zum 20. Geburtstag am 28. November in der Bärenhöhle Mahnke in Hannover kopfüber in den AuslagenAls 'Luna' hatte Hanne Mahnke sie als Vorbild für eine Bastelpackung entwickelt. Für eine Höhle ist ihre lichte Kinderstube ganz schön hell und freundlich. So sind sie inzwischen gern in unseren Garten mit seinen schattigen Ecken gezogen und müssen jetzt nur noch klären, ob es hier mehr als nur sauren Gummikram zu erbeuten gibt.

Kommentare:

Claudia hat gesagt…

Liebe Silke, lieber Wolfgang, ich danke Euch für diese wieder bezaubernde Geschichte!
Es ist immer wieder ein Genuss :O)))
Ich wünsche Euch einen wunderschönen und glücklichen Tag und schon mal einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2016!
Ganz herzlichen Dnak auhc für die liebe Überraschung, ich habe mich SEHR darüber gefreut!
♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

Johanna Gehrlein hat gesagt…

So eine entzückende Geschichte. Da müsstet ihr Bilderbücher draus machen, die fänden bestimmt auch Anklang. Danke für diesen und alle anderen bezaubernden Posts.
lg Johanna

SchneiderHein hat gesagt…

@ Claudia
Die beiden haben jetzt immer noch Bauchschmerzen und auch die beiden Fledermäuse sind seitdem nicht mehr erschienen ;-)

Gut gerutscht sind wir zwar nicht, aber dafür hatten die Mäuse ihren Spass …

@ Johanna
Schön, dass Du mal wieder Zeit hast vorbeizuschauen. So, wie Du Dir vorgenommen hast wieder mehr zu posten, schaue ich jetzt hoffentlich auch wieder häufiger bei Dir vorbei …

Es warten noch einige Geschichten darauf ins www zu kommen. Das ist nicht so zeitintensiv wie Bücher. Und es ist doch viel schöner wenn man sich hier nach Lust und Laune spontan daran erfreuen kann.