Samstag, 14. Juni 2014

Die Kastenschau



"Aiiiiijahhhr! Das wird wieder so groooßartig!" kreischt das Magermodel. "So grooooßartig, weil ich dabei bin!" Heute beginnt die neue Staffel von "Dschörmänis-Nächst-Topf-Dino". Das ist die beliebteste Kastenschau der Urzeit, die immer wieder die nächste fastberühmte Dinotusse für eine Seesong in einem gnadenlosen Wettbewerb unter eiskalten Echsen auswählt.

Geleitet wird auch diese Staffel wieder von der Heidi, die alle nur ehrfurchtsvoll 'ze Klump' nennen. Sie ist eines dieser fabelhaften Supermodels aus Amerika, die Haut und Knochen längst überwunden haben und nur noch Knochen sind. Ihre Kolleginnen treten in den berühmtesten Museen auf, die Sue, der Stan, die Jane. Bei 'ze Klump' gab es Gerüchte von schlecht bezahlten Auftritten in fahrenden Wanderausstellungen, aber die sind längst verstummt und alle sind glücklich, wenn sie nun von der Heidi zusammengefaltet werden.

Das lassen sich die hiesigen Dinotussen nicht entgehen. Sie haben ihre schönsten Tasche hervorgezuppelt, den herrlichsten Federschmuck auf's Haupt gepresst und auch nicht mit Klunkern, Haarreifen und Diademen gegeizt. Jetzt trippeln sie aufgeregt von einem Krallenfuß auf den anderen und können es gar nicht erwarten bis die Heidi das hell kreischende Wort an sie richtet.

Besonders die Giganoto hat sich in die Saurierschale geworfen. Sie kommt betont jugendlich daher mit dem Nuckelfläschchenhalter am Herzkettchen. Auf den Ohrlöchern tanzt der Kopfhörer in rosa und in der Krallenhand hält sie einen Akkufön. Wenn hier jemand schon heute bereit ist für ein Morgen im Scheinwerferlicht, dann ist es die größte Saurierdame im dichten Feld der Bewerberinnen.

Das Magermodel arbeitet sich durch die Reihen der haltlosen Bewunderinnen. Noch ist sie zu allen so freundlich: "Ja, das ist ein sehr geschmackvolles Abendtäschchen, eine gute Wahl." Und: "Diese Farbe steht ihnen ausgesprochen gut. Das Grün der Federn passt ja sogar zu ihren blitzenden Augen." Sogar: "Diese Krallen machen Sie ja zu einem richtig todbringenden Killerbiest. So glänzend und spitz, da möchte man kein Opfer sein." Nur einmal kann sie sich nicht beherrschen, als sie den rosa Riesenkoffer sieht, den die zierliche Veloci über die Steine scheuert: "Also das ist ja ein absolutes Unding. Ein Überseekoffer gehört doch nicht ans Handgelenk. Was ist denn da drin? Ein vierstöckiger Brontoburger für die nächste Vesper?" "Nur meine Schminksachen," stammelt das völlig überraschte Beißreptil. "Na, das muss ja eine morgendliche Großbaustelle sein, wenn der Koffer fast so groß ist, wie die damit zu bearbeitende Raptorin."

Wenig später – im Kreise ihrer Raptorenbrut – findet die Veloci die spitze Zunge wieder. Die Heidi will sich schon der Spinotusse zuwenden, da hört sie die Raptoren ätzen: "Den Schwanz, also den Riesen-Schwanz, den hat sie sich doch machen lassen." Die nächste Raptoren-Bitsch setzt nach: "Genau, da sieht man noch genau den Ansatz." Da mischt sich noch eine Ische ein:  "Wahrscheinlich schmückt sie sich auch mit fremden Federn." Doch: "Psst! Das machen wir doch auch."

"Das habe ich gehört," kreischt 'ze Klump'. "Alles!" Daran merkt man mal wieder, dass dieses rotzfreche Jungvolk keine Ahnung hat. Man muss sich herausputzen so weit es nur geht, wenn man als ehrgeizige Echse ins Scheinwerferlicht will. Da kann ein zu kurzer Schwanz entscheiden, dass man nie ein Supermodel wird. Es kommt hier immer auf Traummaße an. Und da kommt das Beste aus fremden Funden gerade recht. Diese nassforsche Bande soll ihr mal den Museumsstar zeigen, dessen glatte Schönheit nicht aus mehreren Gerippen komponiert worden ist.

Endlich wird es Zeit die weiteren Mitglieder der Jüri vorzustellen. Der schwere Apatobrocken neben dem Magermodel ist der Dicke von Dienst. Er hat seine Berühmtheit, weil er schon in vielen Jüris gesessen hat. Und sitzt deshalb wieder in vielen weiteren Jüris, was seinen Ruhm mehrt. Besondere Fähigkeiten braucht man dafür nicht, es ist einfach seine raumfüllende Ausstrahlung. Hier gibt er den Fachmann für Ernährungsfragen. Aber in Wahrheit wollte die Heidi ihn haben, weil sie neben ihm noch schlanker wirkt. Auf der anderen Seite darf ihr der Bruhss nickend zustimmen. Er ist ein besonders gestelzter Geher und soll den wild trampelnden Dinotussen das würdevolle Schreiten beibringen. Er kann froh sein, dass die Klump hier den schrillen Ton angibt, sonst würde hier keine Raubsaurierdame mit messerscharfer Reißzahn-Kauleiste auf einen Schnabelträger hören.

Mit aller Kraft knallt die Klump ihre Vorderläufe mit leichtem Klacken auf den Jüritisch: "Meine Damen es wird Zeit. Wer ist die erste, die ein Topfmodel werden will?" "Na ich," ruft die Rexi. "Mein größter Vorzug? Meine Krallenfüße im Glanzlack ... und die kecken Hornwülste über den Augen. Einen besseren Halter für die kuhle Sonnenbrille hat wohl keine Dame." Man muss ja nur mal sehen, wie so eine Hippie-Brille ohne Halt bei Allo Devot immer nur hin und her rutscht.

Dann klappt der Rexi die Kinnlade zu, weil die Heidi das alles mit ihren Stummelarmen wegwischt: "Meine Liebste, das ist doch gar nichts. Aber für ein echtes Supermodel bist du zu fett, meine Herzsallerliebste, einfach viel ... viel ... viel zu fett." Dieses letzte 'fett' betonte die Heidi mit so klirrender Schneidstimme, dass es nicht nur der Rexi in den Ohrlöchern schmerzt. "Aber mein Herzblatt, ich will dabei ja nur dein Bestes."

Wutschnaubend wendet sich die Rexi ab. Sie könnte mit ihrer Statur jeder Zeit die Hauptperson in jedem Jurassik Park werden. Und dieser dürre Hohlkopf will ihr sagen, sie werde nur deshalb kein Supermodel, weil sie noch nicht an jedem Morgen ihre Knochen zählen muss, ob noch alle da sind. Pah! Die Freßmaschine in Rage wundert sich immer noch, woher diese glasschneidende Kreisch-Stimme aus so einem kleinen Luft-Kopf kommen kann.

Die Alloschnepfe hat sich hier wohl zu viele Hoffnungen gemacht. Wenn sogar schon eine selbstbewusste Rexi so fertig gemacht wird, wie soll sie dann noch punkten können. So eine Kastenschau ist wahrlich kein harmonisches Kaffeekränzchen und sie gehört dabei nur zum lustigen Füllmaterial für bissige Jürikommentare.

Als 'ze Klump' die schweren Tritte der nächsten Kandidatin hört, ahnt sie, dass es wieder eine fette Kritik werden wird. Das kommt davon, wenn sich jeder Provinztrampel zum Supermodel berufen fühlt, nur weil er schon mal ein Museum von innen gesehen hat. Aber dass jeder doch eine Chance erhält, sagen die Macher ja in jeder Kastenschau. Damit die Trampel kommen. Dennoch hat sie keine Lust, die Schmutzarbeit immer allein zu machen. Sie winkt dem Dicken vom Dienst zu: "Das ist dein Fachgebiet."

Die giftgrüne Reptilin sah die Rexi völlig zu Recht scheitern. Sie hat doch nicht ihre Klasse. Wer hat sich denn vor ihr schon Federn unter den Armen machen lassen? Ein Glitzerband betont den kräftigen Schwanzansatz. Außer ihr trägt nur die untadelige Frau Türano einen eng gewickelten Stoffschirm an der Armbeuge. Und jetzt kommt noch nicht einmal die Heidi? Nur so ein grauer Langhals, der immerhin ganz wohlproportioniert ist. Doch was will er nur von ihr: "Ich bin künftig ihr Ernährungsberater und muss ihnen leider sagen: Halten Sie ab jetzt strengste Diät! Am besten nur noch Rohkost!" 

Der Promidicke vom Dienst soll nur reden. "So ein Schwallmund! Das sind doch nur schwere Knochen," denkt die Reptilin und hält den Kiefer weiter straff zusammengepresst. Sonst würde längst der Speichel runter tropfen, der Sauropodenschnuckel sieht einfach zum Anbeißen aus. Soll er doch weiter Rohkost fressen, sie nimmt den ganzen Kerl.

Die anderen Dinodamen gönnen der Reptilin diese Ansage. Sie kann wirklich etwas abspecken. Wer rennt denn auch mit Federn unter den Spüdelärmchen rum? Und wie sie immer um Frau Türano herumscharwenzelt, da ist die Klump schon ein anderes Kaliber. Die weist eine feiste Schleimerin gleich in die Schranken.

Doch jetzt kommt mal endlich ein echte Gewinnerin. Die Giganoto hat entschlossen die anderen – eigentlich chancenlosen – Bewerberinnen beiseite geschoben. Das ist ihr bei ihrer Größe auch nicht schwer gefallen. Nun dreht sie sich immer wieder um die eigene Achse, damit die Jüri selbst entscheiden kann, welche nun die schokoladigste ihrer Seiten ist. Wenn es nach der Giganoto geht, eigentlich alle.

Da hält es eine Heidi nicht mehr lange hinter dem Jüritisch. Was soll sie bloß mit so einem Riesenbaby machen? Es ist so hoch wie drei Bulldozer und trägt dann noch eine Schnullerflasche am Hals. Und dazu diese Blumenbanderole um den Schwanz wie ein neckisches Strumpfband für Vorstadtschlampen. So einen schweren Fall von zielloser Zwangsjugendlichkeit hat sie ja noch nie gesehen.

Die Klump schraubt ihre Stimme noch etwas höher, damit das Riesenkalb auch nichts unter dem Kopfhörer verpasst: "Was wollen Sie denn da noch fönen, meine Liebe? Ihren Stoffbeutel für verheulte Taschentücher, wenn ich hier fertig bin? Oder hoffen Sie auf spontanen Haarwuchs im Alter? Vielleicht musste es ja nur irgendetwas Elektrisches sein, auch wenn es aus der Ecke für den haarigen Säuger kommt. Nehmen Sie doch das nächste Mal eine elektrische Kaffeemühle oder eine zackige Motorsäge, damit wir alle sehen, dass auch Sie in der Moderne angekommen sind."

2a-Hörnchen und 2b-Hörnchen, die eineiigen Zwillinge, haben sich vor der Geburt nicht nur im Ei ein Dotter geteilt. Auch die Hirnmasse musste für zwei reichen, das macht sie etwas langsam im Denken: "Ähm ... örks ... Äh." So hat das Magermodel ein leichtes Spiel, den doppelten Hörnchen ihre größte Schwachstelle aufzuzeigen. "Wir sind ... langsam?" Das ist in der glitzernden Museenwelt kein echtes Problem. Die sind auch nicht schnell.

Denn gerade eineiige Zwillinge mit den doppelten Herztäschchen scheitern bei einer Kastung; "Wo bleibt denn da die Einzigartigkeit eines echten Topf-Models?" will die Heidi wissen. "So als tumbes Doppelpack." Nach einer Pause: "Höih, wir sind doch Zwillinge." "Sag ich ja!" schießt es schnell zurück. Wieder eine längere Pause: "Das heißt, wir sind gleich ..." Schon genervt: "Sag ich doch!" Es dauert noch eine Weile: "Ohh!" 

"Da können wir wohl wieder gehen." Und endlich: "Öhh ... ja." Die beiden Zwillinge setzen sich sogar in Bewegung. Die Klump ist über so viel unerwartete Hellsicht erstaunt. Das ging jetzt doch viel schneller als gedacht. Schon naht der erste Werbeblock, die Zeit wird knapp, deshalb stürmt die Chefin der Jüri gleich weiter zu der vorlauten Raptorenbrut.

"Wir sind doch keine Schwestern! Wir sind ein Rudel, das ist noch viel geiler!" Der Raptorin klappt die Reißzahnleiste runter, als sie von der Klump vom Jüritich herab angemacht wird: Ob sie sich denn auch in der Masse verstecken wolle? Dann könne sie gleich nach Hause gehen. "Heh du Klappergestell, eine echte Raptorenbraut beißt sich auch allein durch." Und zwischen all den Planschkühen hier, hätte sie doch wenigstens eine gute Jägerinnen-Figur. So viel Zickenalarm ist schon mal eine gute Grundlage. Die Raptorin darf bleiben.

Wenigstens ist die Heidi, wenn sie in Fahrt kommt, zu allen hart und ungerecht. Die zarte Alberta duckt sich zwischen zwei große Raubsaurierdamen, die noch eifrig über die knochentrockenen Jürifehlurteile ratschen. Von kleinem Wuchs hat Alberta zwar ein markantes Profil, aber eine schrecklich schmale Nase. Vielleicht sollte sie einfach nur untertauchen, da zwingt die unsichere grüne Dinomaid eine herrische Quietsch-Stimme zum Jüritisch: "Du da mit dem blauen Kindergarten-Prinzessinnentäschchen, komm mal her!"

Doch jetzt geht es erst einmal zur Werbeunterbrechung:

Warum ausgerechnet Sauerkraut? In Dosen? Jedes Mal wenn Gerome mit dem gut gefüllten Einkaufswagen zurück kommt, wundert sich der junge Giraffenbulle, was er wieder eingekauft hat. Diesmal also eingelegtes Sauerkraut im Sommer. Dabei macht er keine Diät, will nicht den Körper entwässern, kennt das saure Flusenzeug nicht aus seiner Heimat Australien. Er mag es nicht einmal besonders gern. 
Vielleicht hat er diese Dose Sauerkraut im Supermarkt nur gegriffen ... wegen der freundlichen Farben, den großzügigen Gängen und weil die Dose genau in Giraffengriffhöhe stand. Oder weil die ganze Zeit von oben immer leise Stimmen "Kauf mich ... Kauf mich ... Kauf mihiiich!" säuselten. Das sind also die geheimen Verführer in den 'Kauf mich'-Supermärkten.

Bei 'Kauf mich!' gib es alles , was eine Giraffe braucht und noch viel viel mehr …


Idee: SchneiderHein     Fotos: W.Hein

Nach der Werbeunterbrechung geht es gleich im nächsten Post weiter. Zurück bleibt ein fassungsloser Gerome, der als sonnenverwöhnter Australier wirklich kein Sauerkrautfresser ist. Gemacht hat ihn Lynda Hampton im fernen Kangeroo-Island.

Kommentare:

Nicola Hinz hat gesagt…

Kastenschau - was für ein großartiges Wortspiel! Der ganze Text ist ein riesiges Vergnügen! Ach, und mit all meinen aufgerüschten, dickhäutigen Lieblingsprotagonistinnen - sowas Schönes! : )
LG
Nicola

Anonym hat gesagt…

Als kreischende Klump hätt ich jetzt ein Foto für euch ... und als Bruhss wär ich ganz gerührt ... hoffentlich bleibt mir in der Werbepause Zeit zum nochmal lesen, bevor Teil 2 losgeht :-))) LG von Manu

heinwerken hat gesagt…

@ Nicola und Manu
Jetzt haben the Klump, der Bruhss und der Dicke vom Dienst den ganzen Sommer eine Dauersendung gegeben - da war sicher mehr Zeit zum Nachlesen, als gewünscht.

In der Zeit hätte die Heidi ja noch viele Dinodamen rund und dann gerippe-schlank machen können. Die Alberta und die Spinotusse hätten endlich ihr Fett wegbekommen und A-und-B-Hörnchen wären mit einem Gedanken vielleicht auch mal bis zum Ende gekommen ... ja eeeecht ... ähh?

Was hätte Gerome nicht alles in immer neuen Werbeblöcken anpreisen können: Dino-Eisförmchen aus Silikon, Die Brontoburger-Aktionswochen 'Dicke Dinger' oder ein Vorteils-Set Steck-Sonnenschirmchen aus Papier für Eisbomben - natürlich bedruckt mit Rexi und ihren Fressfreundinnen.

Aber so können wir nur hoffen, das die Dinodamen in der nächsten Sähsong so durchgenudelt sind, dass sie als xyz-Promis in das Tschungel-Kämp unserer grünen Gartenhölle müssen. Dann gibt es auch endlich wieder 'was zu Essen, auch wenn es nur gesottene Madenhoden und wimmelnde Kerbtierbeine sind. Das ist nach der ganzen Hungerei in der Kastenschau sicher eine echte Erholung für Magermodelle.

LG Wolfgang